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Der Wind

Eine Kurzgeschichte


Ich habe vergessen, was sich ereignet hat, bevor es passierte, aber so unglaublich es klingt: es geschah. Ich weiß nur noch, dass sich ein schwerer Sturm angekündigt hat; doch als ich die Terrassentür öffnete und das Haus verließ, erfasste mich nur eine leichte Brise, zog mich von meinen Beinen und trug mich in die Höhe. Man wird mir glauben, wenn ich sage, dass meine Gefühle in den ersten Augenblicken gemischter Natur waren; aber das überwältigende dieses Erlebnisses ließ mich sehr bald das Kuriose dieses Ereignisses verdrängen, und ich begab mich voll in die Lust des Getragenwerdens. Als ich mich wieder fasste, befand ich mich schon 300 m hoch in der Luft, und hier endete auch das bis dahin mit abnehmender Schnelligkeit stetige Aufsteigen.

Der schwache Wind, der an diesem schönen Sommertage wehte, trieb mich nun langsam voran. Da ich bis dahin auf dem Rücken glitt, konnte ich nur die über mir fliegenden Vögel sehen, die sich in dieser Höhe aber bereits auf wenige Arten reduziert hatten. Ich fasste Vertrauen zu meinem Zustand und drehte mich einen halben Kreis um meine Körperachse. Das ging sehr gut, und von nun an glitt ich mit dem Gesicht nach unten über die Stadt. Niemals zuvor hatte ich die Häuser aus dieser Perspektive sehen können, aber schon bald fragte ich mich, warum die Menschen soviel Geld in diese unscheinbaren Dinger steckten, ja, sich sogar dafür ruinierten, um am Ende auf dem Platz zu leben, den ich gerade überquerte; ein übernachtungsplatz für Penner.
Was an Bauwerken diesen Platz zierte, war noch mickeriger als die Häuser, die ich von hier oben wahrnahm, so dass ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern konnte, warum die Menschen so gerne ihre Häuser verließen, um diesen Platz zu bevölkern.
Es dauerte nicht lange, und ich hatte auch diesen Platz überflogen. Je weiter ich trieb, um so kleiner und seltener wurden die Häuser. Bald sah ich keine mehr und unter mir lagen nur noch grüne und gelbe Felder. Auf den grünen Feldern grasten abwechselnd einmal Rinder und das andere Mal Schafe. Die gelben Felder sahen von hier oben, abgesehen von ein paar vögelnden Pärchen, unbewohnt aus. Vereinzelt überflog ich kleine Dörfer, in denen sich aber, bis auf ein Feuer in einem Bauernhaus, nichts ereignete. Einmal aber hörte ich Geräusche von unten, die zunehmend stärker wurden. Bald erkannte ich Häuser, deren Bestand mit fortschreitendem Flug ständig dichter wurde und plötzlich befand mich über dem Dorfplatz, auf dem ein Festival stattfand. Ich hatte diesen Platz schon fast überquert, als ich mit einem Mal Durst auf ein Glas Bier bekam. Ich begann, gegen den mich treibenden Wind mit Händen und Füßen zu paddeln; siehe da, es funktionierte. Ich schwamm gegen den Strom und bald schon hatte ich herausgefunden, wie ich mich nach unten gleiten lassen konnte.
Ich schaffte es, vor dem Tresen eines Bierstandes zu landen; hier wurde Bier einer lokalen Kleinbrauerei feilgeboten. Zum Glück hatte ich, als ich mein Haus verließ, meine Geldbörse in der Tasche, und so konnte ich einen halben Liter dieses gut aussehenden Getränks bestellen. Diese Flüssigkeit sah nicht nur gut aus, sondern sie schmeckte auch hervorragend. Ich bestellte mir schon bald einen zweiten, dritten, vierten und ich weiß nicht mehr wievielten Krug. Um mich herum wurde das Treiben immer lustiger und bunter und nur kurze Zeit später ertappte ich mich dabei, wie ich in einer Polonäse hüpfte, meine Hände auf den Schultern einer phantastisch aussehenden Frau geparkt. Die Wärme dieser Frau kroch in meine Finger, meine Hände, Arme, Schultern, Bauch und noch weiter. Ich begann langsam ihre Schultern zu massieren. Dieses göttliche Wesen drehte sich zu mir um und lächelte. Trotz meines fortgeschrittenen Alters wurden meine Polonäse- Hüpfer höher und meine Gefühle jünger. Ermutigt und angeregt durch den betörenden Blick dieses schönen Wesens ließ ich meine Hände über ihre zarten Schultern gleiten und in den Ausschnitt ihres Dirndls rutschen, bis ich die Knospen ihres strammen Busens fühlte. In diesem Moment wurde von hinten jäh an meinen Schultern gerissen. Eine ungeheure Kraft zog mich herum und ein Riese von einem bärtigen Mann blickte mir mit zornigen Augen in mein verdutztes Gesicht. Ich konnte die Philosophie, die in seinen Augen lag, nicht mehr hinreichend deuten, weil eine proportional zum Mann riesige Faust mich mitten in das Gesicht traf. Ich verlor meine Sinne und versank in eine ungemütliche Finsternis, aus der ich plötzlich erwachte.

Ich habe vergessen, was sich ereignet hat, bevor es passierte, aber so unglaublich es klingt: es geschah. Ich weiß nur noch, dass sich ein schwerer Sturm angekündigt hat; doch als ich die Terrassentür öffnete und das Haus verließ, erfasste mich nur eine leichte Brise,
... aber das hatten wir ja schon.

© Erich Romberg, November 1999

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