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Der Überlebende

Eine Kurzgeschichte


David reist nach dem Unglück auf der Estonia nie ohne Neoporen-Anzug, wenn er die Fähre zwischen Holyhead und Dublin benutzt.
Es wird in der irischen See im Winter nicht so kalt, doch ein überleben um mehr als eine halbe Stunde ist im Wasser ohne diesen Schutzanzug praktisch unmöglich. Wie recht David hat.
Es ist Januar und selbst in Irland ist es einige Grad unter Null. Die irische See hat trotz des Golfstroms nicht mehr als vier Grad.
Es geht alles sehr schnell. Zwischen der ersten Unregelmäßigkeit und dem totalen Sinken der Fähre sind nicht mehr als 30 Minuten vergangen. Der Tod kommt beinahe undramatisch. Die meisten der wenigen hundert Passagiere schaffen gar nicht den Weg zu einem der Rettungsboote. Sie werden direkt mit der Fähre in die Tiefe gezogen. Die neunzig Personen, die mit einem Teil der Besatzung ein Boot gewassert haben und hoffnungsvoll drinsitzen, werden wenig später ebenfalls vom Strudel erfasst und ausnahmslos in die Tiefe gerissen. Von denen taucht nur David wieder auf, weil er unter dem Gummi noch eine Menge Luft gespeichert hat.
Als ihm seine Lage bewusst wird, ist nicht viel und niemand mehr von der Fähre zu sehen. Von den wenigen noch herumschwimmenden überresten der Irish Future zieht nur ein weißer Schwimmreifen Davids Aufmerksamkeit auf sich. Da durch eindringendes Wasser in den Anzug das überwasser anstrengender wird, paddelt David auf diesen Rettungsring zu. Er fühlt sich den Umständen entsprechend gut; es ist ihm warm und er kann noch klar denken. Trotz der stürmischen See erreicht er den Ring und hängt sich ein.
Er hat sich sicherheitshalber zuvor errechnet, dass er mindestens vierundzwanzig Stunden im Fall der Fälle überleben würde, praktisch ist jetzt sogar mit der doppelten Zeit zu rechnen. Die Aussichten sind also mehr als gut, denn die irische See gehört nicht gerade zu den selten befahrenen Gewässern. Selbst wenn von der Fähre kein Notruf ausging – was wenig wahrscheinlich ist – wird sie spätestens zwei Stunden nach dem Untergang vermisst werden. Aller Voraussicht nach sind die Rettungstrupps bereits auf dem Weg, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn entdecken.
David ist stolz auf seine weise Voraussicht, die ihn diese fünf Millimeter dicke Schutzhaut anziehen ließ. Amüsiert denkt er, dass Erfrieren nicht seine Todesursache sein wird. Eine Art Wollust überkommt ihn, wenn er an die Schlagzeilen der Irish-Times denkt, die in den nächsten Tagen über seine clevere überlebensstrategie berichten wird.
Ein paar Stunden im Dunkel der irischen See scheinen ihm, der ein erfahrener überlebenskünstler vieler Expeditionen im südamerikanischen Urwald ist, ein kleiner Preis für die Publicity zu sein, die er von den Medien erwarten kann.
Nicht dass David die vielen Toten dieser Katastrophe kalt ließen. Er denkt schon über das Geschwisterpärchen nach, das ihm Essig Crips aus der Tüte angeboten hat. Bei den aufkeimenden Gedanken, dass diese reizenden Kinder nun tot sind, schaltet er sein Gehirn für einen Moment ab.
Es gelingt ihm, seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Vorstellung über die zu erwartenden drängelnden Reporter im Foyer des Shellborn Hotels zu lenken, denen er je nach Sympathie den einen oder anderen Erlebnisbrocken seiner Odyssee in der Irischen See vorwerfen wird. Bescheiden, aber selbstbewusst wird er in die Kamera blicken, wenn der irische Sender RTE die Reportage dreht.
Es kommt David die junge Frau aus Kerry in den Sinn. Wie alt war sie gleich?, süße Einundzwanzig. Sie war auf dem Weg zu einem dreiwöchigen Urlaub. In ihren jungen Jahren hatte sie es bereits zur Geschäftsführerin der Filiale einer Irish Pub Kette in Deutschland gebracht. Fiona hatte dunkel strahlende Augen. Trotz ihrer Karriere war sie das einfache Mädchen vom Land geblieben. Ihr weißes Lachen war bezaubernd - und David wurde verzaubert. An der Bar hatten sie herumgealbert und David hatte versprochen, sie im Februar in Frankfurt zu besuchen. Er war ein wenig verliebt gewesen.
David ist beinahe froh, dass ihm in diesem Moment trotz seines dicken Anzuges kalt ist. Die Vorstellung, er könne eventuell doch in Lebensgefahr geraten, lässt ihn den entstehenden Kloß im Hals herunter würgen; das liebreizende Mädchen ist tot, und er denkt auch schon nicht mehr daran.
Da war es schon etwas anderes, als er acht Tage im Brasilianischen Urwald allein und fast ohne Hilfsmittel überleben musste. Es war ein Managertraining, das härteste, was man sich vorstellen kann. Zu acht waren sie in das Unternehmen gestartet; es war bereits das Dritte in den letzten fünf Jahren. Vor einem Jahr sind sie durch die Hölle gegangen - jeder für sich allein. Einen hatte es erwischt, er war verschollen und ist nicht wieder aufgetaucht. Einen anderen hatten sie nach einer zweitägigen Suchaktion am Ende seiner Kräfte retten können.
Seine Ausrüstung hatte nur aus einem Schweizer Taschenmesser, einem kleinen Rucksack mit einem drei Meter langen Seil und den Kleidern bestanden, die er auf dem Leib trug. Es war nicht viel, und in der Nacht konnte es dort unangenehm kühl werden. Er erinnert sich, dass er dort des Nachts mehr gefroren hatte, als in diesem Moment. Nein, das Fährunglück ist im Vergleich zum letzten überlebenstraining nicht mehr als eine übungsstunde im Stadtwald.
Am Himmel tauchen auch schon die ersten Hubschrauber mit Suchscheinwerfern auf. Die aufkeimende Sicherheit des absehbaren überlebens ergreift vollständig Besitz von ihm. Keine schmerzhafte Erinnerung beeinträchtigt David in diesem Moment. Seine Vorstellungskraft hat den vagen Kälteangriff auf seinen Körper längst überwunden. Er stellt sich noch einmal die kalten Nächte im Urwald, die Würmer und krabbelnden Insekten, von denen er sich ernährt hatte, vor. Dieses Fährunglück ist für ihn ein Spaziergang, im Vergleich zu den Anforderungen an seine geprüften überlebensfähigkeiten. David ist ein harter Mann, der zudem nichts dem Zufall überlässt.
Am Horizont sieht er beleuchtete Boote auftauchen. Eine halbe Stunde später kann er fünf Lebensrettungsboote ausmachen; sie haben breite Lichtkegel auf das Wasser gerichtet. Diese massiv träge Rettungsinfrastruktur lässt David doch noch ungeduldig werden; es dauert immerhin noch dreieinhalbe Stunden, bis ihn das kreisende Licht des Bootes „Mona“ ortet. Zu lange hat man nach großen Wrackteilen gesucht, wahrscheinlich sogar mit mindestens einem Schlauchboot gerechnet, aus dem man zwischen 50 und 100 überlebende auf einen Schlag hätte bergen können. David ist eine magere Ausbeute für die gewaltige Rettungsmaschinerie.
Die "Mona" manövriert sich backbordseitig an David heran. über einen Balken und eine Rolle werden zwei Rettungsleute zu ihm heruntergelassen. David freut sich auf die Anteilname, die ihm zuteil werden wird. Er denkt nicht mehr an die Toten des Unglücks. Vor seinen euphorischen geistigen Augen leuchtet die Schlagzeile der Irish-Times, die am nächsten Tag lautet:
„Der Versuch, den einzigen überlebenden nach dem Untergang der „Irish-Future“ in der Irischen See zu bergen, endete äußerst tragisch...“

© Erich Romberg, Dezember 1999

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