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Das Schnäppchen

Eine Kurzgeschichte


Das Angebot war verlockend. Achthundertfünfzig Mark Miete für ein ganzes Haus, einhundertundfünfzig Quadratmeter, großer Garten.
„Da ist doch ein Haken,“ sagte ich misstrauisch. Der Makler lächelte mir selbstbewusst ins Gesicht und winkte ab. „Könnte man meinen, aber das Angebot ist real. Meine Auftraggeber würden Ihnen das Haus auch umsonst überlassen. Aber ein Haus umsonst ist nicht zu vermitteln. Niemand glaubt an die Seriosität eines derartigen Angebotes. Sie entsprechen genau den Vorstellungen von Herrn und Frau Behrensen, und nur darauf kommt es an. Glauben Sie mir, es ist ein einmaliges Angebot und Sie sind die Wunschfamilie meiner Auftragtraggeber.“
Ich musste wohl überzeugt sein.
„OK, ich sage zu. Dieses Angebot kann man sich wohl nicht entgehen lassen.“
„Das will ich meinen“, sagte der Makler mit gönnerhaftem Lächeln, „die Courtage zahlt auch der Auftraggeber.“ Er schob mir den Mietvertrag herüber:
„Sie können sich in Ruhe alles durchlesen. Sie werden sehen, da ist kein Haken.“
Ich glaubte ihm und unterschrieb. Er überließ mir eine Kopie des Vertrages und schob mir ein Bund mit Schlüsseln über den Schreibtisch.
„Ich wünsche Ihnen viel Freude in Ihrem neuen Haus. Sie werden sehen, die Behrensens sind ein nettes altes Ehepaar.“
Hinter vorgehaltener Hand, als ob uns hier jemand hören könnte, ergänzte er:
„Ich glaube, Sie entsprechen genau den Vorstellungen, die sich die alten Leutchen von ihren Kindern gemacht hätten; wenn es ihnen vergönnt gewesen wäre. Aber keine Sorge, mehr als einen Anstandsbesuch werden die bei Ihnen nicht machen.“
Ich ging mit dem Gefühl nach Hause, das man hat, wenn man überzeugt ist, den Deal seines Lebens gemacht zu haben. Ich brauchte eine Zeit, bis ich meine Frau davon überzeugt hatte, dass kein Haken an der Sache sei. Wir konnten das Haus sofort beziehen. Innerhalb von drei Wochen hatten wir den Umzug vollzogen. Nun saßen wir in diesem großzügigen Wohnzimmer vor dem offenen Kamin und konnten unser Glück nicht fassen. Es dauerte sechs Wochen, bis die Behrensens anriefen und höflich anfragten, ob wir uns kennen lernen könnten. Wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Tag. Das alte Paar war wirklich sehr reizend. Sie beteuerten, dass Ihnen nichts mehr am Herzen liege, als dass es uns in ihrem Hause wohl ergehe. Für die Kinder hatten sie wohlüberlegte Geschenke mitgebracht. Sie verdeutlichten noch einmal, dass ihnen nur an unserem Wohlergehen gelegen sei. Es gehe ihnen überhaupt nicht ums Geld, da sie mehr als genug davon hätten. Wenn wir einmal knapp seien, was bei jungen Leuten ja nicht außergewöhnlich sei, wäre es kein Problem mit der Miete. Wir beteuerten, dass es dazu nicht kommen würde. Nach drei Stunden erhoben sich die Behrensens und verabschiedeten sich freundlich mit den besten Wünschen.
„Haben Sie keine Sorge“, sagte Frau Behrensen, „wir überlassen Ihnen das Haus nun zu treuen Händen. Wir haben uns jetzt überzeugt, dass Sie die Richtigen sind. Sie werden von uns nichts mehr hören. Betrachten Sie dieses Haus als ihr eigenes und schalten und walten Sie nach Ihren Vorstellungen.“
Sie reichte mir noch eine Visitenkarte und sagte:
„Wenn irgendwelche Schäden an diesem Haus entstehen sollten oder Sie sonst Fragen haben, rufen Sie diese Nummer an, alles wird prompt erledigt.“
Als das alte Paar gegangen war, blickten meine Frau und ich uns ungläubig an. Wir konnten nicht glauben, dass ausgerechnet wir solch ein Glück haben sollten. Doch die Zeit verging und dieses seltene Glück wurde uns zur Gewohnheit. Es schien tatsächlich kein Haken an dieser Angelegenheit zu sein. Alles war noch viel besser, als wir erwarten konnten.
Einmal im Winter hatten wir einen Wasserschaden. Am nächsten Tag erschienen Handwerker, ohne dass wir sie gerufen hätten, um den Schaden zu reparieren.
„Das sind die üblichen Routinekontrollen, die wir nach dem ersten Kälteeinbruch für die Behrensens durchführen. Ja, die wissen schon alles, was in dem einen und anderen Fall so passieren kann.“ Tatsächlich schienen die Alten eine Art siebten Sinn zu haben, was mögliche Schäden am Haus betraf. Wir hatten das Gefühl, dass eine Unregelmäßigkeit beseitigt wurde, bevor sie überhaupt auftrat. Wir lebten für achthundertfünfzig Mark in einem perfekten Haus.
Das kleine Städtchen lag ca. vierzig Fußminuten von unserem Anwesen entfernt und war in knapp zehn Minuten bequem mit dem Fahrrad zu erreichen. Schon bei unserem ersten Besuch fiel uns auf, dass die Bewohner dieses kleinen Ortes sehr fremdenfreundlich waren. Es schien, als ob jeder uns kenne, weil man uns in den Geschäften mit Namen ansprach. Kaum dass wir einen Laden betraten, kam der Geschäftsführer auf uns zugelaufen und reichte uns die Hand. Er war so rührend um uns besorgt, dass es uns fast peinlich war. Egal, wo wir hinkamen, wir wurden überall überschwänglich freundlich aufgenommen. Wenn wir ein Lokal betraten, schien der Kellner sich nur noch um uns zu kümmern. Ich nahm an, dass wir die ersten Fremden in diesem lauschigen Örtchen waren; abgelegen war es ja. Ich mochte aber gegen nichts in der Welt mehr diese kleine Stadt gegen eine Großstadt tauschen.
Zu Beginn unbemerkt, dann doch immer deutlicher, fiel uns auf, dass die Leute hier gerne fotografierten. Wir schienen besonders attraktiv zu sein; denn kaum kamen wir in die Stadt, drängelten sich die Hobbyphotografen um uns. Wir schienen tatsächlich eine Attraktion hier zu sein. Alles in allem war es ja schmeichelhaft, dass man so sehr um uns bemüht war. Mittlerweile ging uns das aber auch ein wenig auf den Wecker. Wir beschlossen einen Erholungsaufenthalt in München zu genießen. Es wunderte uns nicht, dass an unserem kleinen Bahnhof der Kofferträger auf uns zugerannt kam und die Last in den Zug verfrachtete. Ein Trinkgeld lehnte er beleidigt ab.
In unserem Privatabteil reisten wir zum ersten Mal mit dem Gefühl, unbeobachtet zu sein. In München verließen wir den Zug und bemerkten wohlwollend, dass kein Kofferträger auf uns zugerannt kam. Wir schlichen den Bahnsteig entlang zum Ausgang, als ob in jedem Moment eine Traube vom Hobbyphotografen auf uns zustürzen könnte.
Als uns unser Verhalten bewusst wurde, mussten wir herzhaft lachen. Solch ein Unsinn; nur weil wir dekadenten Gegenwartsmenschen mit der natürlichen Freundlichkeit der Dorfmenschen nicht mehr umgehen konnten, fühlten wir uns verfolgt. Plötzlich erschien uns diese ganze Odyssee als lächerlich. Wir standen vor dem Bahnhof, stellten unsere Koffer ab und lachten uns halbtot. In diesem Moment zeigte ein kleiner Junge auf uns und sagte irgendetwas zu seiner Mutter. Als diese uns sah, begann sie hysterisch zu schreien. Die Passanten blieben stehen und blickten in unsere Richtung. Sie schienen sehr aufgeregt und einige zeigten mit dem Finger auf uns. Uns blieb das Lachen im Halse stecken. Der Mob brodelte heran und viele versuchten uns zu fassen. Meine Frau warf sich schützend über unsere Kinder. Mehrere Frauen rissen an meinem Hemd und waren außer sich.
„Mach mir doch auch mal den Hengst.“
Aus der dritten Reihe bahnten sich ein paar Photografen den Weg zu uns. In die Bresche schlug sich ein Verwegener mit einer großen Filmkamera. Ihm voran eilte der bekannte SPL - Journalist Friedhelm Schlauch mit einem großen Mikrophon. Der Mob wich respektvoll zurück, so dass es dem smarten Friedhelm gelang, mir das ballonartige Ding vor den Mund zu halten.
„Herzlich willkommen in unserer Liveshow:
'Die gläserne Familie in München'.“

© Erich Romberg, Dezember 2000

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