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Der verlorene Parkplatz

Der Zahnarzt hat immer Recht


Über nichts kann ich mich mehr aufregen, als über einen vor der Nase weggeschnappten Parkplatz, wenn ich es eilig habe.
Ich hatte einen Zahnarzttermin und war eh schon spät dran. Ich sollte der erste Patient am Nachmittag sein und hatte selbst auf diesem Termin bestanden. Zum Glück sah ich einen freien Parkplatz vor der Praxis und fuhr eine Wagenlänge an der Lücke vorbei, um rückwärts einzuparken. Ich hatte den Blinker rechts betätigt. Die nachfolgenden Fahrzeuge fuhren umständlich um mich herum, sodass ich noch einen Moment wartete. Aus diesem Fluss löste sich plötzlich ein schweres Motorrad und fuhr direkt in die freie Lücke ein. Das Blut stieg mir vor Zorn ins Gesicht und wütend riss ich meine Wagentür auf, sprang aus dem Auto und lief auf den Motorradfahrer zu. Der hatte bereits seinen Helm abgenommen und ein kahlgeschorener Schädel blinkte mir entgegen. Der Typ war mindestens einen Kopf größer als ich und seine breite Stiernase war mit einem silbernen Ring gepierct. Ich unterdrückte das „Du Arschloch“, bekundete ihm jedoch mit wütend bebender Stimme, dass mir der freie Platz zustehe und ich seinen Abgang erwarte. Doch der Typ grinste mir nur breit ins Gesicht und zeigte mir seinen Mittelfinger, um mir zu vermitteln, was er von meinem Ansinnen halte. Er drehte sich um und stakste davon.
Wütend schrie ich ihm hinterher:
„Du Penner, ich weiß mir schon zu helfen.“ Er drehte sich nicht einmal um und verschwand hinter einer Häuserecke. Ich kochte, und man kann sagen, im Affekt zog ich mein Klappmesser aus der Tasche und zerstach am Motorrad dieses Typen beide Reifen. Befriedigt setzte ich mich zurück in mein Auto und fand eine Parklücke, etwa fünfzig Meter weiter.
Als ich die Praxisräume betrat, war ich ca. fünfzehn Minuten zu spät. Beim Versuch einer Entschuldigung winkte die Sprechstundenhilfe lächelnd ab. Ich könne gleich im Behandlungsraum Platz nehmen. Während sie mich auf dem Stuhl vorbereitete, erzählte sie mir, dass sich eh alles etwas verzögert habe, weil irgendein Idiot die Reifen des Motorrads von Dr. Brinkmanns Vertretung zerstochen habe.
In diesem Moment trat der breitnasige Kahlkopf mit einem weißen Kittel in den Behandlungsraum. Er nahm den Bohrer und mit einem breiten Grinsen fletschte er mich genüsslich an:
„Na, dann wollen wir mal.“

© Erich Romberg, Mai 2000

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