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Literarischer Abend

Eine Kurzgeschichte (na, ja)


Ich bin nicht besonders kulturgeil, doch von Zeit zu Zeit befällt mich mit einer gewissen panischen Manie ein Kulturbedürfnis. Ich besorge mir dann dutzendweise Theaterprogramme oder durchforste die Zeitungen nach künstlerischen und literarischen Veranstaltungen. Es war wieder einmal soweit und nach einer zweitägigen Recherche entschied ich mich für eine Autorenlesung zeitgenössischer Lyrik. Dem Autor war es gelungen, in einer Art Selbstverlag sein Lyrikbändchen zu veröffentlichen. Das Thema des Abends entsprach dem Titel des Buches:

"Die Weisheit der Schnappschildkröte"

Als ich das Lokal betrat, war der Schriftsteller nicht sofort auszumachen. Ich vermutete ihn in einer Gruppe vertraulich zusammen stehender Durchgeistigter, weil sie neben einem Tisch mit einem Bücherstapel diskutierten; und richtig: zum angegebenen Zeitpunkt ergriff ein wichtig aussehender Sprecher aus dieser Gruppe das Wort und kündigte den Lyriker "Johannes" an. Ich saß an einem Tisch, zusammen mit einem älteren Ehepaar und deren Tochter; unbekannterweise. Ihre literarische Ausstrahlung ließ den Griff zu meinem Weinglas einfrieren. Sie lächelten mir mit einem Schön-dass-du-dich-auch-für-Soetwas-interessierst-Blick zu. Endlich hatte der Autor Johannes das Wort. Er setzte sich uns zugewandt hinter ein Tischchen und beglückte uns eine gemessene Zeit mit Wortlosigkeit. "Schnappschildkröte", bellte er plötzlich heraus. Schweigen! Wissende Stille im Lokal. "Du Heimtückische." Schweigen! jemand hustete; vorwurfsvolle Blicke. "Du Wurmgezungte." Andächtiges Aufhorchen. "Armer Fisch,
beuteheischend
stürztest dich in ihr Maul."
Ein erster verhaltener Applaus. Doch der Künstler hob und senkte beschwichtigend beide Hände und fuhr mit unheilgeschwängerter Stimme fort: "Schnappschildkröte,
grausame Weise Du."
Der Künstler räusperte sich, um das Ende gemessen anzukündigen: "Wurmzungenschnappend
begreifen wir
den Quell Deiner Lust.
Den Fluch des Gefressenwerdens."

Donnernder Applaus. Die Lyrikkennerfamilie an meinem Tisch war total aus dem Häuschen. Das Publikum beruhigte sich und der Künstler nannte das Thema seines zweiten Gedichts:

"Metamorphose der Schnappschildkröte"

Ich beschloss für mich, den literarischen Abend zu beenden. Die austerschlürfenden Gäste im Lokal gegenüber erinnerten mich irgendwie an Schnappschildkröten.

Erich Romberg, Mai 2000

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