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Die letzte Instanz

Eine Erzählung

Die letzte Instanz

Meine dünnen Kinderarme versuchten das Lenkrad des alten Lastwagens auf dem Schrottplatz hinter dem Häuserblock vor unserer Dreizimmerwohnung zu drehen. Die Kraft reichte nicht; es spielt auch keine Rolle. Mit bibbernden Lippen, die das brummende Geräusch eines derartigen Verkehrsmittels imitieren sollten, fühlte ich mich als Kapitän der Straße.
Sonntags war hier niemand und ich wusste, dass mich keiner verscheuchen würde. Mein kleiner Bruder durchstöberte die Schrottautos und ich bildete mir ein, ja hoffte, dass er mich so sehen musste, wie ich mich selbst, als großen Lastwagenfahrer. Dieser große Schrottplatz war ein Ort, an dem wir uns gerne aufhielten; es gab hier viel zu entdecken: eine ausrangierte Dampfwalze, einen halben Rampenbagger, mehr oder weniger vollständige Pkws und eben dieser LKW, der eigentlich noch völlig intakt zu sein schien. Alltags war dieser Schrottplatz belebt mit Arbeitern und jeder Versuch, diesen zu betreten, endete mit Verscheuchen. Die Männer schauten stets sehr böse drein, und so trauten wir uns nicht auf diesen Platz. Doch heute war Sonntag, und sonntags war nie jemand hier. Lastwagen fahren war gerade recht nach diesem traurigen Ereignis heute morgen.
Der Nachbar, Herr Baus, hatte seine Hühner umgebracht. Als wir zu seinem Stall kamen, um seine Hühner zu beobachten, trug er eine graue Gummischürze und hielt bereits ein großes Beil in der Hand.
„Was machst du, Onkel Baus?“, fragte ich ihn.
„Heute wird geschlachtet“, sagte er uns, „schöne Braten.“
Mit watschelndem Gang schlurfte er in den Raum, in dem die Hühner herumliefen und Körner pickten. Mit wackelnden Köpfen versuchten sie, ihm zu entkommen. In diesem Hühnergedränge bückte sich Herr Baus und ergriff eines der Gefiederten am Hals. Mit unbewegtem Gesicht und schreiendem Huhn watschelte er zu einem mächtigen Baumstumpf, der vor dem Raum mit den Hühnern lag. Gnadenlos schmetterte er das Huhn mit der linken Hand auf den Baumstumpf und sagte: „Na dann.“ Er holte mit dem großen Beil in der Rechten aus und Zack; der Kopf flog vom Hackklotz auf den Boden und das kopflose Huhn befreite sich aus seinen Klauen und flatterte wie wild durch den Raum. „Das sind die Nerven“, sagte Herr Baus und ging nach nebenan, um sich ein neues Huhn zu schnappen. Mir taten die Hühner leid und das mit den Nerven glaubte ich auch nicht; aber ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Neunmal dasselbe Schauspiel; neunmal gingen die Nerven der kopflosen Hühner durch. Als sich die toten Hühner beruhigt hatten, sammelte Herr Baus sie ein und band je drei an den Füßen zusammen. Er griff die Hühnerbündel und machte sich mit den Worten, „na dann wollen wir mal“, davon. Die neun Hühnerköpfe lagen erbarmungswürdig mit unschuldigen Augen auf dem Boden. Ich sagte meinem Bruder, dass wir sie beerdigen müssten.
In einer der Ecke des Stalls stand ein kleiner Pappkarton, in den wir die bedauernswerten Hühnerköpfe warfen. Das Feld hinter dem Stall gehörte Herrn Baus, und es trug Obstbäume und Sträucher mit Früchten. Der Rest war mit Gras bewachsen. Wir suchten uns eine Stelle am Ende des Grundstücks, an dem keine Bäume und Hecken mehr standen. Ich bestimmte, dass dies der Hühnerfriedhof ist.
Mein kleiner Bruder verharrte ehrfurchtsvoll. Ich nahm den Karton mit den Hühnerköpfen in beide Hände. Gerade in diesem Moment kam der hellblonde Werner über das Feld gelaufen und rief:
„Wartet auf mich, ich will mitspielen.“ Wir warteten.
„Was spielt Ihr?“, fragte er uns.
Werner war noch ein Jahr jünger als mein Bruder, und er wusste nicht um den Ernst der Lage.
„Wir spielen nicht“, sagte ich“, „Herr Baus hat heute seine Hühner ermordet, und wir müssen sie nun begraben.“
„Bist du auch traurig?“, fragte ich ihn nach einer kurzen Pause.
„Ich bin ihr Verwandter“, sagte Werner, und er hatte recht. Herr Baus war sein Onkel und Werner wohnte im gleichen Haus, also war er auch verwandt mit den Hühnern.
„Dann musst du Blumen haben“, sagte ich zu ihm. Er rannte los und pflückte vom Feld alles, was blühte. Er hatte in kurzer Zeit einen beträchtlichen Strauß zusammen und kam damit zum Friedhof zurück gelaufen.
„Du als Verwandter der Köpfe darfst nach mir in die zweite Reihe; ich bin der Pastor und bin vorne.“ Ich hielt wieder die Schachtel mit den Hühnerköpfen zwischen beiden Händen und ging ehrfurchtsvoll ein paar Schritte nach vorn. Werner folgte mir, und hinter ihm schritt mein Bruder mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen. Wir waren alle sehr ernst. Ich entdeckte einen kleinen Erdhügel, den ich als würdig bezeichnete, die armen Verstorbenen aufzunehmen.
„Wir beten jetzt, dass die Hühner in den Himmel kommen“, bestimmte ich. Die Trauergemeinde hielt inne und senkte den Kopf.
„Lieber Gott, mach´ mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, sprach ich das einzige Gebet, das ich kannte. Werner und mein Bruder sagten: „Amen“. Ich nahm ein Holzbrett, das irgendwo zwischen den Büschen lag und begann ein Loch zu schaufeln. Die Beiden schauten andachtsvoll zu. Nachdem das Loch im Boden groß genug war, betete ich noch einmal eindringlich:
„Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“
Werner und mein Bruder sagten noch einmal: „Amen.“ Ich nahm die Pappschachtel und legte sie in das Loch; dann beauftragte meinen Bruder, das Loch zuzuschaufeln und schickte Werner aus, um zwei äste zu besorgen. Aus diesen und einem Gummi, das ich in meiner Tasche fand, baute ich ein Kreuz. Ich steckte es in das Hühnerkopfgrab und sagte andächtig: „Amen.“ Wir blickten uns an, und ich sagte:
„Ich muss jetzt Lastwagen fahren.“ Werner sagte:
„Ich kann nicht mitkommen. Ich muss um vier zu Hause sein.“
So befand ich mich nun an diesem Hühnertrauertag mit meinem Bruder auf dem Schrottplatz und fuhr mit dem Lastwagen. Ich dachte noch eine Weile an die toten Hühner, befand ich mich aber sehr bald auf der Straße. Mein Bruder kannte mittlerweile alle Autos, und er hatte auch die Dampfwalze auf das genaueste inspiziert. Während ich noch verbissen das große Lenkrad drehte und in Gedanken am Hause meines Angstfeindes vorbeidonnerte, kam mein Bruder zum Führerhaus des Lastwagens, öffnete die Tür und fragte:
„Kommen Hühner auch wirklich in den Himmel?“


© Erich Romberg
Oktober 1999
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