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Die Lektion

Eine Kurzgeschichte


Schweigend, offensichtlich abwesend saß mir Julia gegenüber. Ich hatte viel gesprochen, hatte gegen meine Befangenheit angeredet und ich fürchtete mich davor, meinen Wortschwall zu unterbrechen; denn die darauffolgende Leere, diese fürchterliche peinliche Stille mochte ich mir nicht vorstellen. Höflich nickte mir Julia zu; doch ihre Augen verloren sich im Unendlichen. Ich war beinahe froh, als Julia andeutete, daß sie morgen einen schweren Tag habe und darum bat, sie nach Hause zu bringen. Dieser Abend, dem ich mit soviel Erwartung entgegengesehen hatte, mußte auf diese Weise enden; ich ärgerte mich, weil ich diese Gelegenheit offensichtlich verpatzt hatte. Ich heuchelte ein Lächeln mit dem dazu gehörenden "natürlich". Im Auto sprachen wir über Belangloses, und ich hatte das Gefühl, daß dieses die einzige wirkliche Unterhaltung dieses Abends war.

Nachdem ich vor ihrer Haustüre angehalten hatte, sagte Julia beinahe kühl:

"Du brauchst Dich nicht bemühen, ich finde schon alleine hinein" und höflich ergänzte sie: " es war ein ganz reizender Abend, ich rufe Dich an", sprach ‘s und verschwand.

Ich hatte das Gefühl, daß ihr diese Sache ebenso peinlich war wie mir. Ihren Anruf konnte ich mir lebhaft vorstellen:

- ich möchte nicht, daß wir uns wiedersehen, weil .... - ist egal, was darauf folgt. Ich saß etwa 5 Minuten paralysiert da und verkrallte meine Finger in das Leder des Lenkrades.

"Verdammt, verdammt, dreimal verdammt; wenn ich doch nur ihre Gedanken lesen könnte!"

Ich mochte mit meinem Frust nicht allein Zuhause sitzen, und so lenkte ich meinen Wagen beinahe mechanisch zum Seven ’s- Inn; genau das Richtige, um 3 Stunden aufgestaute Peinlichkeit hinunter zu spülen. Ich kannte Harry, den Barmann, sehr gut und es erfüllte mich warm, als Harry familiär fragte: "Hi Steve, das gleiche wie immer?"

"Aber klar, einen guten Tag wie diesen sollte man mit einem vollreifen Kalifornischen abschließen", log ich.

Harry schenkte mir eines seiner Kenner – Lächeln; geschickt angelte er eine Flasche vom Roten . "Für Dich öffne ich eine Neue und lasse sie 10 Minuten offen stehen, wie Du es magst."

"Nein danke, mach Dir keine Mühe, das zweite Glas ist dann genau richtig; oder berechne mir doch gleich die ganze Flasche."

"War wohl sehr erfolgreich heute", lächelte Harry.

"Das will ich meinen", versuchte ich geheimnisvoll in den Raum zu stellen.

‚Was der wohl wirklich denkt? wenn ich es doch nur hören könnte?‘ dachte ich.

Nichts störte mich mehr als mein Gefühl, daß man mich nicht so richtig ernst nahm. Ich konnte allerdings in Harrys Gesicht nicht das geringste Anzeichen meiner Befürchtungen entdecken. Er lächelte unvermindert kennerhaft, als er mir den ersten Schuß vom Roten ins Glas füllte, damit ich ebenso kennerhaft mein Ritual vollziehen konnte: einen Schluck nehmen und den Wein mehrfach über die Zunge rollen lassen. So ein Unsinn; ich wußte, daß ich wie immer sagen würde ‘perfekt’ und Harry mir den ‘Perfekten’ kennerlächelnd zu dreiviertel ins Glas füllen würde.

Ich mochte nicht weiter über die Wahrhaftigkeit seiner Zuneigung nachdenken und versuchte wieder, ihn als den verständnisvollen Freund zu sehen; es wolllte mir aber nicht mehr so recht gelingen. Um mich abzulenken, schaute ich mich ein wenig um; es war wie immer nichts los um diese Zeit. Erst jetzt bemerkte ich diesen etwa 55 Jahre alten Mann, der still einige Hocker weiter rechts neben mir an der Bar saß. Er war ordentlich, ein bißchen altmodisch gekleidet und machte einen seriösen, etwas langweiligen Eindruck.

In dem Moment, als ich zu ihm hinüber blickte, drehte auch er seinen Kopf zu mir, aber er schien mich nicht wirklich anzusehen. Ich nickte ihm zu; gedankenverloren erwiderte er den Gruß. Er richtete seinen Blick zurück auf den Barschrank, den er bereits vorher eingehend betrachtet zu haben schien.

‚Ob er dich wirklich bemerkt hat? ich glaube, sein Nicken war nur eine biologisch mechanische Reaktion meines; wenn ich seinen Gedanken doch nur zuhören könnte!!‘

Wie lange die wohl noch hier herumhängen; ich könnte heute früher schließen; lohnt sich eh nicht mehr.

Das war nicht Harrys Stimme; doch diese Äußerung kam aus seiner Richtung und außer ihm war niemand dort. Ich blickte zu ihm hinüber und er lächelte mir unverändert zu.

Ich hoffe, er braucht nicht wieder 3 oder 4 Flaschen, bevor er sich seines Erfolges sicher ist.

Es kam eindeutig und deutlich von ihm, obwohl er nach wie vor lächelte, als ich ihn ansah; es war auch nicht seine Stimme. Diese Stimme war ohne Melodie, monoton und hohl.

‚Jetzt ist es passiert, ich spinne.’

Ich war noch bei meinem ersten Glas, und mit Julia hatte ich keinen Alkohol getrunken; sie mochte keinen Alkohol, und ich wollte auch nicht ihr Mißfallen erregen. Nein, betrunken war ich nicht. Harry wandte sich zum Spirituosenschrank um:

Ich muß einmal wieder durchchecken, was an Neuem besorgt werden muß; aber nicht mehr heute abend. Ich bin froh....

Ich hatte mein Gesicht abgewendet und synchron verstummte diese häßliche Stimme.

‚Ich habe Halluzinationen; nur die Augen schließen, es wird dann schon aufhören.‘

Plötzlich drängte sich mir diese Stimme aus Harrys Richtung wieder auf:

Was ist denn mit Steve? Es sieht aus, als hätte er ein Gespenst gesehen; er muß doch schon einiges getrunken haben, bevor er herkam. Oh, wenn Jenny morgen Dienst hat, muß ich unbedingt vorher....

Ich hatte meinen Blick wieder abgewandt und wiederum verstummte diese Stimme.

Das war doch unmöglich, aber es war so real, daß ich mir das kaum einbilden konnte. Mein Gehirn begannfieberhaft zu arbeiten. Mir kam ein unglaublicher Verdacht; aber, ich bin doch ein rationaler Mensch, und Erwägungen in dieseRichtung darf ich nicht zulassen; dennoch, meine Rationalität wollte mich nicht so richtig überzeugen.

‚Es muß reproduzierbar sein‘, dachte ich jetzt sehr rational. Ich schaute, nicht mehr nach Ablenkung suchend, gezielt zu diesem ordentlichen langweiligen Mann hinüber:

Es ist soweit, es muß heute passieren; gleich wenn ich nach Hause komme

Er blickte wieder zu mir herüber.

Was will der? - ich darf keinen Fehler machen. Ich muß alles noch einmal durchgehen...

Ich hatte mein Gesicht wieder abgewandt. Es war die gleiche Stimme, hohl und monoton. Mein Verdacht bestätigte sich, es war eindeutig: ich konnte plötzlich fremde Gedanken empfangen, und ich hatte erkannt, daß es davon abhing, ob entweder ich mich mit der denkenden Person beschäftigte oder sie sich mit mir. Dreimal hatte ich meinen Wunsch heute ausgesprochen; hing es damit zusammen? Es war uninteressant, verglichen mit dem Phänomen, daß es passiert war. Ich hatte allen Frust dieses Abends vergessen.

Um letzte Sicherheit zu bekommen, schaute ich hinüber zu diesem Mann; er schien es diesmal nicht zu bemerken.

Es muß wie ein überfall aussehen

klang es monoton; er schaute zu mir herüber.

Diese Beiden sind mein Alibi. Gleich werde ich zum Telefon gerufen, das Startsignal. Ich werde die Bar zum Telefonieren verlassen; es dauert nicht lange, nur 3 Häuser weiter. Ich muß das Türfenster von außen einschlagen - ich darf nicht den geringsten Fehler machen.

Ich bemerkte auf seinem Gesicht einen befriedigt entschlossenen Ausdruck; er grinste grausam. Er hatte für mich mit einem Mal jede Spur von Altmodisch und Langweilig verloren. Ich folgte nur noch seinen Gedanken; dort schien etwas Ungeheuerliches geplant zu werden; und ich war zufällig Zeuge, ausgestattet mit meiner neuen Fähigkeit. Ich drehte mein Gesicht ab, um nicht aufzufallen; denn ich hatte mit einem Mal das Gefühl, daß jeder meine Gedanken hören könnte, was natürlich Unsinn war. Eine seltsame Konstellation hatte mir diese Fähigkeit verliehen; wieviel Male hatte ich mir schon gewünscht Gedanken lesen zu können; so stark wie heute war dieser Wunsch noch nie. Ich konzentrierte mich wieder auf diesen Mann.

Anschließend, wenn ich etwa eine Stunde wieder hier gewesen bin, werde ich dieses Pub verlassen und diese Beiden werden es bestätigen.

Das Telefon klingelte - ich erschrak. Das Gesicht des altmodischen Mannes nahm einen entschlossenen Ausdruck an.

Das ist er, gleich werde ich zum Telefon gerufen...ich werde Handschuhe tragen. Marthleen wird zur Haustüre eilen, sobald ich das Haustürfenster eingeschlagen habe. Sie wird empört sein; warum mag ich das Fenster eingeschlagen haben. Sie soll gar nicht lange darüber nachdenken. Ich werde sie in die Küche schieben. Sie wird fragen: "was tust Du"?, ich antworte nicht. In der Küche liegt der große Schürhaken. Ich werde ihn einfach ergreifen - als Einbrecher habe ich ihn zufällig gefunden - und ihr den Schädel einschlagen. Sie wird zusammensacken, und bei Gott, ich werde nie wieder etwas aus ihrem Mund hören. Ich kann in spätestens 10 Minuten wieder zurück sein, mich an die Bar setzen und noch zwei Martini trinken. Ich werde mit ihm nebenan ein Gespräch beginnen; er scheint es eh nötig zu haben.

Ich war entsetzt. Offensichtlich war hier ein kaltblütiger Mord geplant und ich sollte mit hineingezogen werden. Wie gut, daß ich gerade an diesem Tage mit dieser Fähigkeit gesegnet worden bin; ich wußte schon, wie ich diesem potentiellen Mörder die Suppe versalzen würde. Harry hatte auf das Klingeln des Telefons reagiert und blickte nun zu dem Mörder hinüber.

"Es ist für Dich, John; ich lege es nach draußen in die Zelle",

rief er dem - wie hieß er gleich? ah, John, zu.

Er war offensichtlich schon oft hier und Harry bekannt; vielleicht hatte Harry seine Adresse. Zu ihm gewandt vernahm ich noch diese häßliche Stimme:

Wenn jetzt auch Steve noch nach Hause geht, könnte ich schließen.

Ich hörte nicht weiter darauf und fragte Harry stattdessen:

"Wer war das?"

Wen meint er?, dachte Harry.

"Jener, der gerade zum Telefon gerufenwurde."

Harry schien die Antwort auf seine Gedanken nicht zu registrieren.

"Ach der, John Brightwight ist hin und wieder hier; sagt nicht viel; wohnt direkt im ersten Haus auf derrechten Seite; in der 23.; merkwürdiger Kauz!"

"Gut, ich möchte zahlen, beeile Dich, bitte."

Was ist denn mit dem auf einmal? Na gut, es soll mir recht sein, dann kann ich schließen.

"Ich würde Dir nicht empfehlen zu schließen", antwortete ich auf seine Gedanken.

"Ich sage Dir: Du würdest eine Sensation verpassen. Ich komme später - falls Du noch hier bist - und erzähle Dir alles. Ich muß nur schnell telefonieren."

Ich achtete nicht auf seine Gedanken und legte ihm eine 10 Dollar Note auf die Theke.

"Behalte den Rest und trinke etwas; du wirst es brauchen, wenn ich dir diese Story erzähle... - sehe dich nachher."

Als ich den Gang zur Telefonzelle betrat, öffnete John Brightwight gerade die Tür zur Straße; es war Eile geboten, wenn ich das Schlimmste verhindern wollte. Hastig nahm ich den Hörer von der Gabel und wählte den bekannten Notruf der Polizei. Es erklang unmittelbar die Stimme eines Mannes:

"Ja, bitte? was kann ich für sie tun?"

"Hören sie mir gut zu"!, rief ich so laut und deutlich, wie es nur ging.

"Ich kann ihnen alles nur ein einziges Mal sagen - und fragen sie mich nicht, woher ich diese Informationen habe; ich habe sie eben, und das muß vorerst genügen - ich erkläre es Ihnen später. Notieren Sie es bitte!

‚Mein Name ist Steven Clark und ich wohne in der Park-Avenue am Westend der Stadt. Kommen sie so schnell wie möglich zum Haus Nr. 1 in der 23. Straße, es ist das von Mr. John Brightwight. Mr. Brightwight plant dort, eine Frau zu ermorden, ich glaube, es ist seine Frau. Ich bin ganz in der Nähe und werde dorthin eilen, um das Schlimmste zu verhindern - falls sie es nicht rechtzeitig schaffen."

Ich wartete nicht die Antwort ab und legte sofort auf, eilte auf die Straße und spurtete in die Richtung zur 23. Ich war sicherlich nicht länger als eine Minute unterwegs, als ich vor mir Mr. John Brightwight erblickte. Ich verharrte im Lauf; er bewegte sich, etwa 80 Yards vor mir, langsamen Schrittes auf dem Gehsteig der beleuchteten Straße, als wäre er unentschlossen. Ich konnte auf diese Entfernung seine Gedanken nicht erkennen und so näherte ich mich ihm vorsichtig, gerade einen oder zwei Schritte schneller als er. Dann blieb John Brightwight vor einem kleinen Schaufenster stehen. Zum Glück war die Straße zu dieser Zeit noch einigermaßen belebt, sonst hätte ich mich nicht weiter vorwagen dürfen. Ich war jetzt bis auf etwa 10 Yards an ihn heran, als ich diese Stimme wieder vernahm.

Ich werde es jetzt tun, es ist keine weitere Zeit zu verlieren, ich muß in wenigen Minuten wieder im Lokal sein; also los jetzt!

Mit einem Ruck drehte er sich vom Schaufenster weg und schritt nun schnell voran; eh‘ ich mich versah, war er hinter der Ecke zur 23. verschwunden. Ich erschrak beinahe, und so schnell ich konnte folgte ich ihm. Erleichtert vernahm ich in der Ferne, näher rückend, die Sirenen der Polizeifahrzeuge. Als ich um die Ecke bog, war der Mörder bereits im Haus verschwunden. Obwohl sich die Sirenen bereits sehr nahe anhörten, war keine Sekunde zu verlieren. Ich stürzte auf das Haus zu, sprang die sechs Stufen zum Eingang hoch und warf mich vor die Haustüre; sie war verschlossen. Die Haustürscheibe war erwartungsgemäß eingeschlagen, aber das Türfenster war vergittert; hatte das der Mörder nicht berücksichtigt?, natürlich; er hatte ja erwartet, daß das Opfer ihm die Tür öffnet. Ich warf mich mehrmals heftig mit der Schulter vor die Haustüre, bis ich einen stechenden Schmerz verspürte, aber die Türe wollte nicht nachgeben. Es war vermutlich bereits zu spät. Hätte ich den Mörder doch sofort aufgehalten, gleich in der Bar. Wenn ich ihm erzählt hätte, daß ich von seinem Vorhaben wußte; niemals hätte er seine Tat ausgeführt. Nur um mich am nächsten Tag als Retter in der letzten Minute auf der Titelseite des Mirrors wiederzufinden, hatte ich es versäumt, diese Frau vor dem Tod zu bewahren; ich war meinem eigenen Geltungsbedürfnis erlegen und hatte damit das Leben eines Menschen aufs Spiel gesetzt.... und verloren. Ich schämte mich.

Zwei Polizeiwagen fuhren quietschend und blau blinkend vor das Haus, und jeweils 2 Polizisten sprangen mit gezogener Waffe heraus. Zur gleichen Zeit öffnete sich die Haustüre neben mir, und John Brightwight blickte mir verwundert in die Augen. Man sah diesem Ungeheuer die Tat nicht an.

Mittlerweile waren auch die Polizisten die Stufen herauf gesprungen. Sie stellten wohl fest, daß keine unmittelbare Gefahr in Verzug war, und so senkten sie ihre Waffen. Der älteste von ihnen blickte zuerst mich und dann den Mörder an.

"Würden sie mir bitte sagen, wer sie sind und was sie hier zu suchen haben?"

"Ich bin John Brightwight und wohne hier", antwortete der Mörder.

"Ich habe ein lautes Gepolter an dieser Türe gehört; ich bin gerade vor wenigen Minuten selbst erst nach Hause gekommen; meine Frau hat mich hinausgeschickt um nachzusehen."

Ich nahm die linke Hand von meiner schmerzenden Schulter und deutete auf Brightwight:

"Der Mörder", rief ich hysterisch, "dort, nehmen sie ihn fest!"

Der ältere blickte mich an und fragte:

"Würden sie uns bitte sagen, wer sie sind?"

"Ich bin Steven Clark und habe sie gerufen, weil dieser Mann dort plante seine Frau zu ermorden."

Der Mörder blickte mich verwundert an.

"Stimmt das, Mr. Brightwight?", fragte der Ältere.

Gerade in diesem Augenblick erschien ein grauer zottiger Frauenkopf mit einem bösen, häßlichen Gesicht im Spalt einer Tür im Hause, von einer schwachen Lampe im Hausflur so eben beleuchtet.

"Was ist da los?", keifte die zum Mund des häßlichen Gesichtes gehörende Stimme.

"Nichts, mein Häschen", sagte John Brightwight mit sanfter Stimme,

"nur ein Irrtum, die Polizisten möchten nur eine Auskunft."

"Unverschämtheit", schrie die Furie, "schicke sie fort, Du Trottel, lasse Dir doch nicht alles bieten. Das kommt davon, wenn man sich Nächte lang in dreckigen Spelunken herumtreibt; dann muß man den ärger ja anziehen. Die sollen uns zufrieden lassen, sonst beschweren wir uns morgen bei den Vorgesetzten. Deine Suppe wird kalt; nun komm schon.

"Gleich, mein Häschen, geh’ nur schon hinein; ich bin sofort bei Dir."

Mit unverständlichem Gekeife zog sich der häßliche Kopf zurück.

Der Ältere blickte zuerst seine Kollegen, dann mich und dann Mr. Brightwight verwundert an.

"War das ihre Frau?", fragte er ihn der Form halber.

"Aber sicher", antwortete Mr. Brightwight.

"Kennen Sie Mr. Clark?", fragte der Ältere.

"Nicht dem Namen nach, aber ich habe ihn vor wenigen Minuten noch in Harry‘s Bar gesehen."

"Würden Sie sich bitte dazu äußern", fragte der Polizist zu mir gewandt.

Was sollte ich sagen, ich war total verwirrt. Beinahe wäre es mir lieber gewesen, Brightwight‘s Frau wäre tot.

"Aber ...., ich ....", stammelte ich, "ich habe es doch genau gehört ....", und nun sprudelte es aus mir heraus. Ich erzählte alles, was ich gehört hatte; ich war in völliger Panik.

Die Beamten schauten mich mitleidig an.

"Ist schon gut, Mr. Clark, wir müssen sie bitten, mit uns zur Wache zu kommen, sind sie ganz ruhig, Mr. Clark, es wird Ihnen nichts passieren", sagte der Ältere behutsam.

"Ich bin nicht wahnsinnig", schrie ich.

Der ältere faßte mich am ärmel und sagte:

"Kommen Sie bitte, und beruhigen Sie sich."

Ich schrie laut auf; meine Schulter schmerzte, als der Polizist an meinem Arm zog. Plötzlich sagte Mr. Brightwight:

"Lassen Sie diesen Mann, bitte; ich habe Ihnen etwas zu erzählen, aber nicht hier", und flüsternd fügte er hinzu,

"meine Frau soll das auf keinen Fall hören, können wir in einen ihrer Wagen steigen?"

Der Ältere hatte mich losgelassen und sagte:

"Bitte, wie Sie meinen, Mr. Brightwight."

Wir gingen hinunter zur Straße und stiegen in eines der Polizeifahrzeuge; der Ältere setzte sich auf den Beifahrersitz, einer der jüngeren auf die Fahrerseite. Die beiden anderen Beamten lehnten sich von außen durch die heruntergelassenen Seitenfenster. Mir und Mr. Brightwight hatte man den Rücksitz zugewiesen.

"Um alles in der Welt", begann John Brightwight zu mir gewandt seine Erzählung, "ich weiß nicht, woher sie das wissen, aber was sie soeben erzählt haben, stimmt bis ins kleinste Detail. Sie glauben gar nicht, wie erleichternd es für mich ist, es endlich auch jemanden erzählen zu können."

"Sie müssen wissen", fuhr er nun nach vorne gewandt fort,

"ich bin nun seit fast 20 Jahren mit dieser gräßlichen Frau verheiratet. Ihr Vater war sehr wohlhabend, und als ich damals um sie warb - sie war zwar nicht besonders hübsch, aber sie war auf keinen Fall so gräßlich wie heute - machte ihr Vater zur Bedingung, daß ich meine Stelle aufgebe und in seiner Firma arbeite.

Ich muß gestehen: sein Geld hatte keine unbedeutende Rolle gespielt, als ich mich zur Ehe mit seiner Tochter entschloß. Ich habe etwa 5 Jahre in seiner Firma gearbeitet, allerdings, so recht brauchte man mich dort eigentlich nicht. So habe ich immer häufiger die Gelegenheit genutzt, während der Bürostunden auszugehen, um anderen Beschäftigungen nachzugehen. Ich muß sagen, daß diese Zeit recht angenehm war und ich dieses Leben gut und gerne auch fortgeführt hätte. Doch, dann begann meine Frau plötzlich ein wenig zu schwächeln; und sie verlangte, daß ich mich um sie kümmere.

Ihr Vater hatte mich sofort beurlaubt - zunächst für 14 Tage. Die Schwäche meiner Frau war nichts weiter als eine leichte Influenza; aber fortan kränkelte sie ohne besondere Ursache. Ihr Vater eröffnete mir, daß ich nicht mehr in der Firma erscheinen müsse und mich zukünftig um seine Tochter kümmern solle: solange, bis sie genesen sei. Ihre Genesung wollte sich aber nicht einstellen, und so mußte ich mich von meiner Arbeit in der Firma verabschieden. Von nun an begann eine Hölle für mich. Ich mußte ständig um sie herum sein, und sie ist sehr fordernd. Das wurde mit den Jahren immer schlimmer, und der geringste Versuch, mich dagegen aufzulehnen, wurde durch erneute Schwäche- Attacken unterlaufen.

Ich wurde zum Gefangenen in ihrem Hause, und sie entwickelte sich mehr und mehr zu diesem Drachen, den Sie vor wenigen Minuten gesehen haben. Ich konnte nicht mehr ausbrechen; denn ich wäre mittellos gewesen.

Nur an etwa 2 Abenden im Monat gab es eine kleine Erleichterung für mich. Meine Frau ist seit vielen Jahren Präsidentin einer Frauenliga im Kampf gegen den Alkoholismus. Dazu muß sie an jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat eine Versammlung ihrer Ligaschwestern an einem 15 Meilen von hier entfernt liegenden Ort leiten. Ein Fahrer ihres Vaters bringt sie zu diesem Zweck dort hin und auch wieder nach Hause.

Mit diesem Fahrer hatte ich mich bereits in den Jahren, als ich noch in der Firma ihres Vaters gearbeitet hatte, angefreundet. Deshalb konnte ich es mir erlauben, an den besagten Donnerstagen Harry‘s Bar aufzusuchen. An diesen Abenden informierte mich Georg, der Fahrer, jedesmal telefonisch, wann diese Sitzungen zu Ende gingen.

Das hatte in der Regel auch gut funktioniert, bis auf einige Male. Zu diesen Gelegenheiten waren die Sitzungen ohne Vorankündigung eher beendet, und Georg konnte mich nicht mehr informieren; erst wenn sie Zuhause war, rief er mich an. Es war dann jedesmal die Hölle für mich, schlimmer, als es eh schon war.

Heute Abend war wieder solch ein verflixter Tag. Ich hatte es nicht besonders eilig nach Hause, und ich bin froh, daß ich für eine Weile hier bei Ihnen sitzen kann. Auf jeden Fall: ich besuche nun schon seit mehr als 10 Jahren an jedem 1. und 3. Donnerstag im Monat für einige Stunden Harry’s Bar. Es ist an diesem Tag niemals viel los dort; aber es ist mir auch ganz recht. An diesen Tagen gibt es für mich ein einziges großes Vergnügen: es sind nicht die 3 Martinis, die ich zu trinken pflege. Mehr darf ich mir eh nicht erlauben; denn meine Frau darf nicht bemerken, daß ich etwas getrunken habe, nein!"

Das Gesicht John Brightwights nahm mit einem Mal einen hämisch- sadistischen Ausdruck an; gerade so, wie ich es in der Bar bei ihm beobachtet hatte.

"Mein einziges aber unendliches Vergnügen ist ihre Ermordung, die ich mir in Harry‘ s Bar an diesen besagten Donnerstagen in allen Einzelheiten und in den verschiedensten Variationen vorstelle. Ich mache Georg in meinen Vorstellungen jedesmal zum Komplizen, es wird ihm recht sein; denn Georg kann sie auf den Tod nicht ausstehen. Heute Abend habe ich ihr mit dem Schürhaken den Schädel zertrümmert."

Mit brutal zusammengekniffenen Augen saß John dort; seinen Mund hatte er zu einem grausamen Schlitz zusammengekniffen.

"Ich spiele ihre Ermordung in nuancierten Veränderungen mehrmals an diesen Abenden durch. Kleine Details, wie das kaputte Haustürfenster, ziehe ich in meine überlegungen mit ein. Der gesamte Weg nach Hause gehört zu meinem Mordplan."

Er blickte auf, sein Mund zeigte noch jenen grausamen Zug, als er zu mir gewandt ergänzte:

"Junger Mann, wenn es für Sie noch nicht zu spät ist: achten Sie darauf, daß sie nicht abhängig von ihrer Frau werden. Heiraten Sie auf keinen Fall eine Frau, die mehr Geld hat als Sie. Ich habe meine lebenslange Strafe für meine Geldgier bekommen, und ich trage sie. Vielleicht hat Gott Sie zu mir gesandt, um diese Strafe für wenige Stunden zu erleichtern; denn wie sonst sollten sie so detailliert meine Gedanken gekannt haben."

In der Haustüre erschien eine dürre Gestalt in einem pinkfarbenen, geblümten Morgenmantel. Wir identifizierten sie als Mrs. Brightwight. Ihre Stimme heulte wie eine Alarmsirene als sie keifte:

"Wo treibst Du Trottel Dich herum; wenn Du nichts ausgefressen hast, schicke die Männer fort; kannst Du denn nichts selbständig auf die Reihe bekommen."

John‘s brutale Augenschlitze öffneten sich zu großen Kreisen. Die grausame Linie seines Mundes mühte sich mehr und mehr besorgt aussehend zu entarten, als sie sich öffnete und eine sanfte Stimme entließ:

"Häschen, ich bin hier fertig und komme sofort. Ich mußte diese Gentlemen in einem Kriminalfall beraten."

Während er sich eilig mühte, den Polizeiwagen zu verlassen, klopften ihm die Polizisten nacheinander kameradschaftlich mitfühlend auf die Schultern.

"Lassen Sie sich die Zeit bis zu ihrem nächsten Donnerstag nicht zu lang werden."

Die Stimme des Älteren klang jetzt freundschaftlich, beinahe väterlich.

Zu mir gewandt sagte er: "Können wir Sie noch irgendwo absetzen?"

Ich war dermaßen gefesselt von John‘s Geschichte, daß ich wie aus einer Trance erwachte. Erst da wurde mir bewußt, daß ich die ganze Zeit nicht einen einzigen Gedanken von einem der Männer empfangen hatte. Ich konzentrierte mich nun auf den älteren, aber nicht ein Gedanke drang in mein Ohr. Mein Herz machte einen erleichterten Sprung.

"Hätten Sie etwas gegen ein Glas Kalifornischen Rotwein einzuwenden?, ich würde sie gerne in Harry einladen."

"Wir sind zwar noch im Dienst", sagte der ältere, "aber ein Gläschen wird uns jetzt allen ganz gut tun", er zwinkerte in die Runde.


Es war bereits vier Uhr am Nachmittag, als mich am nächsten Tag das Telefon weckte. Es war Julia.

"Steve, es tut mir furchtbar leid wegen gestern abend, ich hatte wirklich einen schweren Tag.Ich konnte mich garnicht so richtig auf Dich konzentrieren, habe Deine verzweifelten Versuche, mich zu unterhalten, bemerkt. Ich wußte aber einfach nicht, wie ich es Dir mitteilen sollte - ich kann Dich nur um Verzeihung bitten. Ich habe meine Arbeit beendet und das ganze Wochenende Zeit; ich möchte Dich einladen, den heutigen Abend und die nächsten Tage mit mir zu verbringen. Ich werde Dir dann alles erklären."

"Da gibt es nichts zu erklären," sagte ich fröhlich, "sag mir nur eins: Bist Du reich?"

Verblüfftes Schweigen am anderen Ende und ich dankte dem Himmel, daß ich ihre Gedanken nicht empfangen konnte.

"Wo denkst Du hin?, ich muß sehr hart für mein Geld arbeiten", antwortete Julia leicht irritiert.

"Gott sei Dank!", sagte ich erleichtert, "dann danke ich Dir für den gestrigen Abend und würde nichts in der Welt lieber tun, als mich mit Dir zu treffen; ich muß Dir eine unglaubliche Geschichte erzählen."


Julia blickte mich amüsiert und verliebt durch den Schein der Kerzen ihres festlich gedeckten Tisches an, als ich mit dem Bericht über meine Erlebnisse am Vorabend geendet hatte.

"Das ist die charmanteste und phantasievollste Erklärung, die ich je erhalten habe. Ein einfaches ‘ich verzeihe Dir’ wäre zwar hinreichend gewesen, aber diese ist durch nichts mehr zu übertreffen. Ich werde in Zukunft Schwierigkeiten haben, Dir etwas zu vergeben – es wird bei mir sicher weniger dramatisch ausfallen."

Sie lächelte mich verschmitzt an.

"Jetzt muß Du mir nur noch einmal verzeihen", ergänzte sie mit nun schwebender Stimme, "ich finde, daß Du zu weit entfernt sitzt."

Mit schwingenden Hüften flog sie um den Tisch herum auf meine Couch zu. Ich bemühte mich, ihre Gedanken nicht zu erraten, aber es wollte mir heute abend nicht so recht gelingen.

© Erich Romberg, November 1998

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