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Die Kastanienallee

Eine Kurzgeschichte


Ich rannte wie gehetzt die modrig feucht stinkende Häuserschlucht entlang und erreichte endlich die weite Kastanienallee. Hechelnd ließ ich mich auf eine Holzbank fallen, um mit geschlossenen Augen von dieser ungewohnten Anstrengung zu verschnaufen. Mit zunehmender Ruhe begann ich, meine Umgebung wahrzunehmen.
Eine leichte Brise kühlte meinen verschwitzten Kopf und scheffelte den schmeichelnden Duft von Blüten in meine Nase. Wie der Strom der Lethe umspielte mich der zarte odorische Hauch und spülte friedliche Glückseligkeit an die Oberfläche. Tief inhalierte ich das ätherische Geschenk dieser kultivierten Natur.
Hinfort geweht mit dem warmen Lüftchen schienen die düsteren Dinge des Lebens, des Tages und der letzten Stunde. Mutig wagte ich es langsam die Augen zu öffnen. Die äußere Welt lag dort, friedlich und melancholisch; der helle volle Mond warf seinen neugierigen Blick auch durch die imponierenden Kronen der blühenden Kastanien. Ich weiß nicht, ob Kastanienblüten duften, aber ich bildete mir ein, dass diese mir ihren Trost spendenden Rausch sandten. Die Kronen bildeten ein geschlossenes Band entlang der Auto freien Straße, deren Weite aber dem Mondlicht den Zugang zwischen die Baumreihen gestattete. Wie eine hoch hängende unwirkliche Laterne platzierte sich Luna beinahe zentral zwischen die rauschenden Reihen der freundlichen Riesen und beleuchtete den Korridor für allerlei munteres Getier. Gerade in diesem Moment huschte ein Eichhörnchen von einem der gegenüberliegenden Kastanien; verharrte für einen Augenblick, beeilte sich aber dann die weite Straße zu überfliegen und schoss wie eine Rakete einen der Stämme auf meiner Seite hoch, um im Dickicht der Blätter zu verschwinden.
Weit jenseits hinter der gegenüberliegenden Baumreihe schien zwischen den Stämmen das künstliche Licht einer anderen Welt hindurch. Geschäftshäuser mit hellerleuchteten Schaufenstern begrenzten die großzügige Promenade jenseits der friedliebenden Bänke, die so manchen Krieg schon unbeschadet überlebt haben. In ihrer Gesellschaft fühlte ich mich sicher, die feindliche Welt der hellen Schaufenster war so beruhigend fern.

Wie oft habe ich mit Christine Arm in Arm genau auf dieser Bank gesessen und gemeinsam mit ihr durch diese vertrauten Stämme geblickt. Diese Welt erschien uns gar nicht so feindlich, wie sie sich mir nun drohend abwartend entgegenstellte. Wir schnäbelten und erzählten uns alberne Geschichten. Ich hörte ihr frisches lebendiges Lachen auf einen Scherz, für den ich mir im selben Moment am liebsten meine dumme Zunge abgebissen hätte.
Doch Christine war fröhlich und nichts verdarb ihre kindlich heitere Laune. Lächelnd musste ich daran denken, dass sie manchmal aus heiterem Himmel aufsprang, mir die Augen zuhielt und mich fragte:
"Weißt Du wer ich bin?"
"Mamma, bist Du es?"
"Falsch", quietschte sie vergnügt, "du darfst noch zweimal."
"Du bist die hübsche Gabi aus der Nachbarwohnung."
"Du Schuft, die bin ich auch nicht."
Dann kam mein finaler dritter Versuch:
"Du bist die ...., süßeste, lieblichste, schönste, gescheiteste kleine Fee, die es gibt, mein geliebtes Christinchen."
"Richtig", läutete sie dann mit ihrem glückspendenden Stimmchen, hüpfte übermütig auf meinen Schoß und presste inbrünstig ihre weichen warmen Lippen auf meinen Mund. Unser Glück war vollkommen und ich liebte sie mehr als mein Leben. Eng aneinander gerückt beobachteten wir oft die flanierenden Pärchen auf dem Gehweg zwischen unserer Bank und der Alleestraße. Christine fragte mich:
"Ob die sich so lieben wie wir?"
Ich konnte es mir nicht vorstellen. Christine liebte ich mehr als mein Leben; das ließ sich nicht steigern. Oft sprang sie auf und zog mich springend wie eine Antilope über die Straße, durch die Baumreihe, über die Promenade zu dem Schaufenster mit den teuersten kleinen unnützen Dingen dieser Stadt.
"Das finde ich alles sooo schön. Wenn Du eines Tages Milliardär bist, kaufst Du mir dann alles?"
"Das bisschen", antwortete ich dann, "ich kaufe meiner Fee die ganze Straße mit all diesen teuren Geschäften und schenke Dir die schönen Kastanien und alle Vögel, die darin wohnen."
Christine fiel mir jauchzend um den Hals und jubilierte:
"Du bist sooo lieb, ... und so großzügig. Ich hab Dich Unendlich mal Unendlich lieb."
"Und ich Dich Unendlich hoch Unendlich hoch Unendlich", antwortete ich mit mathematischer Überlegenheit. Dann schlenderten wir meistens die Schaufenster entlang und stellten uns vor, was wir mit den Dingen tun würden, wenn wir sie uns leisten könnten. Wir waren das reichste und glücklichste Paar der Welt.

Heute wollte ich diese Dinge nicht sehen. Wie in Trance erhob ich mich von meiner Bank und schaute hoch zu dem Mond. Er war ein vertrauter alter Geselle, zuverlässig, unbestechlich.
"Kennst Du Christine?", rief ich ihm zu.
Er schaute mich mit der Weisheit von Jahrmillionen an. Natürlich kannte er Christine; er kannte alles, wusste alles; und ich schämte mich vor ihm. Ich schlenderte langsam auf dem geduldigen Gehweg die Allee hinunter und hatte meinen Blick gesenkt. Auf dem Weg lagen Zigarettenschachteln, Cola-Dosen, Kondome und so manche nützlichen und fragwürdigen Errungenschaften unserer Zivilisation. Meine Augen erfassten diese Dinge, doch sie drangen nicht durch die gleichgültige Netzhaut in mein waberndes Gehirn.

Folgerichtig und von allen erwartet hatten Christine und ich geheiratet. Es sollte der glücklichste Tag in unserem Leben werden. Mit unseren Planungen brauchten wir nicht zu geizen, denn wir verdienten mittlerweile beide sehr gut. Wir luden alle ein, die uns in den Sinn kamen; die ganze Welt sollte von unserem Glück erfahren. Allein das Ausdenken der Einladungen war ein königliches Vergnügen.
Mit übermütig baumelnden Armen flanierten wir Hand in Hand eben diesen Alleeweg entlang, den ich mich gerade in diesem Moment hinunter quälte. Wir dachten über unsere verflossenen Freundschaften, Liebeleien, Liebschaften und Beziehungen nach, nicht ohne uns wechselseitig zu fragen, ob man nicht den einen oder anderen lieber gehabt hätte als wir uns. Das Ergebnis fiel eindeutig zu Ungunsten unserer Verflossenen aus, und bei Gott: Ich meinte es ehrlich und überzeugt. Es gab für mich auch nicht den geringsten Zweifel, dass es umgekehrt genauso war. Wir luden einen nach dem anderen ein und stellten uns kichernd vor, wie schmerzlich ihm oder ihr bewusst würde, was sie an uns verloren hatten.
Wir hatten sie alle eingeladen, und tatsächlich alle waren gekommen; die meisten mit ihren Partnern. Die Wirklichkeit war nicht halb so amüsant, wie unsere Vorstellungen; aber es war uns gleichgültig. Wir waren das glücklichste und schönste Brautpaar auf Gottes Erden.

Dieser Teil der Kastanienallee, den ich nun entlang schlenderte, mündet in einen Kreis, von dem etwa um 90 gedreht nach links und nach rechts je eine Alleestraße abzweigt; doch diese sind nicht entfernt so breit wie meine Kastanienallee. An der oberen Peripherie des Kreises führt sie weiter; hier gibt es allerdings keine Geschäfte. Links und rechts neben den Baumreihen protzen dort gewaltige Villen, so das diese Straße zur Nachtzeit dunkler anmutet als die gerade von mir Verlassene.
Zentral im Kreis liegt ein großer Platz, auf dem sich Bistros und Cafés tummeln. In der Mitte des Platzes steht das gewaltige Denkmal irgendeines unvergessenen Helden, der irgendein armes Volk vor so und soviel Jahren zur Ehre unserer Stadt kaputt gehauen hat. Abertausend Tauben beehren täglich diesen standhaften Helden und beweisen auch ihm die Endlichkeit seines Daseins.
Um diese Zeit war dieser Platz von trinkenden Stadtstreichern und dösenden Junkies bevölkert. Um meine bewölkten Gedanken etwas aufzuklären, schritt ich mit militärischem Fünfzigmeter-Blick schnurstracks geradeaus, überquerte die Fahrbahn des Kreises und betrat den Siegesplatz. Ich durchmaß den Kreis mit meinen Schritten bis zu einem Brunnen, der nicht weit vom Taubenkot-besudelten Helden angeordnet ist. Der Brunnenrand lud zum Sitzen ein, was großzügig von einigen Wesen der Nacht angenommen wurde, und deren Kleidung nicht von einem der gehobenen Ausstatter auf der Kastanienallee stammen konnte. Forsch setzte ich mich zwischen zwei Gestalten, die sich mir durch ihre weißen Vollbärte als männlichen Geschlechts auswiesen; zwei weiter abseits Sitzende definierte ich eben wegen dieses fehlenden Attributs mit hoher Sicherheit als weiblich. Meine beiden Nachbarn waren jeweils im Besitz eines alkoholischen Getränks, das ich nach meinem Kenntnisstand nicht auf der Getränkekarte eines Null- bis Ein- Sterne Hotels gefunden hätte. Der rechts zu mir Sitzende drehte mühsam seinen Kopf mit der Bartseite in meine Richtung; der Andere zeigte nicht durch Zeichen jedweder Art, dass er die Zunahme der Brunnenbelegschaft bemerkt haben könnte.
Die rechte Gestalt blickte mir mit roten Knopfaugen direkt ins Gesicht und reichte mir spontan seine Flasche. Im Vertrauen auf die desinfizierende Wirkung von Alkohol nahm ich das Angebot an und schüttete einen kräftigen Tropfen des brennenden Getränks auf meine Zunge, die nunmehr gegen Entzündungen jeder Art immun sein würde. Mit geschickt unterdrücktem Husten reichte ich ihm die Flasche zurück.
"Danke, tat gut", versicherte ich ihm.
"Scheiß Weiber", brüllte er unvermittelt hinaus.
Ich klopfte ihm verständnisvoll auf die Schulter.
"Du sagst es", unterstützte ich ihn.
"Kennste den Goethe?", überraschte er mich.
"Den Wolfgang?", versuchte ich zu understaten.
"Johann", schrie er und nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche.
"Ach den", sagte ich, "klar".
"Kennse die Maharete?", hakte er nach und reichte mir die Flasche.
Ich beschloss ihm am Ende einen Fünfzigmarkschein in die Hand zu drücken und nahm die Flasche, um auch meinen Magen gegen bakteriellen Befall zu schützen. Die zugestandenen fünfzig Mark machten mich mutig und unbescheiden, und ich trank schmerzverachtend mehrere Zehntel des brennenden Gifts. Die Flasche zurück reichend sagte ich:
"Nein, Deine Verflossene?"
"Liehse denn nich Klassik", warf er mir vor.
Jetzt begriff ich es, er hatte tatsächlich den Faust gelesen.
"Du meinst Gretchen, die von Faust.."
"Eben", sagte er, "der Faust wusste woet langging."
Genüsslich nahm er sich eine Belohnung aus der sich bedenklich leerenden Flasche.
"Nehmen, sagg und hobb", philosophierte er und reichte mir die Pulle.
Betreten lehnte ich ab. Ich fingerte, wie insgeheim versprochen, einen Fünfzigmarkschein aus meiner Tasche und drückte ihn in seine flaschenfreie Hand.
"Für Spesen", sagte ich ihm und erhob mich vom Brunnenrand.
Mein Freund steckte den Schein nach eingehender Begutachtung in seinen altmodischen Mantel und ergriff meine rechte Hand.
"Du bist ein guter Mensch", sagte er und tätschelte die Hand.
"Du auch", erwiderte ich, "bleib so."
Ich löste meine Hand und hastete den Weg zurück, den ich gekommen war. Die Tränen standen mir in den Augen und liefen eimerweise an meinen Wangen herunter.
"Bin ich wirklich ein guter Mensch?"
Ich sah nicht mehr den strahlenden Mond, bemerkte nicht die majestätische Schönheit dieser alten Bäume.
Nach der Hochzeit, dem Schönsten was mir je widerfahren ist, begann der Alltag mit Christine. Ich war ihr nicht gewachsen; nicht an Schönheit, nicht an Anmut, an Verständnis, an Liebe, an Toleranz und vor Allem konnte ich ihr das Wasser nicht reichen, im Ich-Sein.
Eine große Faust krallte sich in meinen Unterleib, riss meine Gedärme heraus und schmetterte sie auf die Straße dieser Kastanienallee.
"Bin ich wirklich ein guter Mensch?"
Jemand presste mein Herz aus, schüttelte es, wrang das Blut auf die Straße.
"Bin ich ein guter Mensch?!", schrie ich in die Nacht, fauchte ich dem Mond entgegen. Ich stolperte über die steinerne Begrenzung des Gehsteigs und landete vor einer großen göttlichen Kastanie. Ich krallte meine Nägel in das Gras und schrie tränenerstickt der Kastanie zu:
"Bin ich wirklich ein guter Mensch?"
Die Kastanie schwieg weise. Gebrochen richtete ich mich auf. Ich schaffte es weiter zu laufen, die Richtung zu finden, unbewusst. Ich weiß nicht wie, aber plötzlich stand ich vor meiner Haustüre. Ich war nicht einmal unsicher, ob ich eintreten sollte; apathisch zückte ich den Schlüssel aus meiner Tasche, steckte ihn in das Schloss. Irgend etwas hob mich die zwei Treppen hinauf, schob mich zu meiner Wohnungstür. Ihr Schloss starrte mich hämisch grinsend an. "Komm doch", sagte die Fratze.
Ich taumelte in die Wohnung und sank kraftlos zu Boden. Vor mir lag Christine; schön, unschuldig, rein und ohne Makel. Ich zog mich aus und legte mich auf ihren Körper. Nur die herausgetretene Zunge, die hervorgequollenen Augen und die Würgemale zeugten von dem Verbrechen.
Diese Welt soll mich nun richten.
Warum wollte sie mich auch verlassen?

© Erich Romberg, Oktober 1999

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