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Die Flöte

Eine Kurzgeschichte


Ich kann Sie nicht einmal richtig spielen. Nicht dass Sie mich falsch verstehen, ich kann Sie spielen, aber nicht so, wie ich es gerne würde.
Meine Flöte ist von Hand gemacht, eine echte Overton Tin-Whistle. Ich besitze viele Tin-Whistles, englische aus Stahl, irische aus Messing, in C-Dur, D-Dur, in jeder Tonart. Sie klingen blechern und schrill; doch keine ist wie Sie. Wenn ich meine Flöte in die Hände nehme, fühlt Sie sich weich und warm an. Sie besteht aus mattem Aluminium und hat eben jene sechs Löcher einer Tin-Whistle; aber Sie ist etwas Besonderes. So, wie Sie sich anfühlt, ist auch ihr Klang. Nicht, dass sie meinen, Sie wäre einfach zu spielen. Ich meine, sie ist schon so einfach zu spielen wie eine Tin-Whistle – technisch, aber es ist nicht einfach, ihre Seele anzusprechen. Meine Tin-Whistle hat nämlich eine Seele. Deshalb muss sie auch mit der Seele gespielt werden, um ihre Wärme und ihr Feuer zu entfachen. Ohne Gefühl benutzt, blockiert sie. Sie hört einfach auf, Töne von sich zu geben. Ich klopfe sie dann aus, weil sie vom Speichel verstopft ist. Nun spielt sie eine kurze Weile, aber dann verweigert sie sich wieder.
Doch an jenen Tagen, wenn sie sich weich und warm anfühlt, ist sie willig; dann lässt sie mich glauben, ich spiele sie; doch sie spielt mich. Ich schließl;e die Augen und halte sie in meinen Händen, weich und warm. In meinem Ich schwingt eine Melodie, die sie projiziert, eine Wärme, die sie ausstrahlt, ein Feuer, das den Raum erfüllt. In diesen Momenten sind wir eins, sind wir nicht Flöte und Flötist, sondern einfach nur Ich.

***

Nun sitze ich hier, in einer Todeszelle - ohne sie. Man hatte mir nicht die Zeit gelassen, sie zu suchen. Ja, sie können mir glauben, im entscheidenden Moment hätte ich sie suchen müssen. Es war normal für mich, wie oft hatte ich sie verlegt. Ich habe zeitweise nicht einmal an sie gedacht, hatte mein Leben gelebt ohne sie. Doch von Zeit zu Zeit, nicht selten in schweren Stunden, habe ich sie vermisst. Ich wurde unruhig und unausstehlich. Ich wollte nur noch meine Flöte finden. Wie ein Besessener habe ich dann nach ihr gesucht, Wohnungen umgekrempelt und Freunde des Diebstahls bezichtigt. In diesen Momenten wusste ich, dass ich ohne sie nicht leben kann. Ich habe sie immer wieder gefunden; sie hat mich dann verwöhnt mit ihren schönsten Klängen, weich und warm hat sie sich jeweils angefühlt. Nie hat sie mir diese Vernachlässigungen übel genommen. Wie oft war sie gerade nach einer langen Zeit der Unachtsamkeit besonders liebevoll zu mir. In jenen Zeiten schwangen ihre Klänge in einer Resonanz mit den Schwingungen aus meiner Seele.

Ich sitze hier und warte auf den Tod. Ich glaube, ich habe meinen Vater umgebracht, oder meine Mutter: Vielleicht habe ich sie beide getötet, ich weißl; es nicht. Man sagte mir, ich sei ein Elternmörder und deshalb müsse ich sterben. Das habe ich eingesehen; denn hier in diesem Lande müssen Elternmörder sterben. Dabei haben sie mir beigebracht, dass man Eltern nicht tötet. Ich habe es dennoch getan. Sie haben mich gelehrt, dass man Vater und Mutter ehren und lieben muss, dennoch habe ich sie umgebracht. Nun sitze ich hier und warte auf meine gerechte Strafe. Gestern besuchten mich mein Bruder und meine Schwester. Ich bat sie darum, mir meine Flöte zu bringen; doch sie haben gesagt, dass ich böse bin, weil ich Vater und Mutter getötet habe. Sie hätten mich sehr geliebt, aber ich habe es ihnen nicht gedankt. Deshalb würde ich es verdienen zu sterben. Das habe ich eingesehen. Sie wollten nicht nach meiner Flöte suchen.
Das war gestern, und sie sagten, dass sie nicht wiederkommen werden - vorher.
Ich sitze hier einsam, warte auf meinen Tod, und vermisse meine Flöte. Ich höre Schritte, von denen ich weißl;, dass sie zu mir kommen.
Mein Wärter schaut mich voller Mitleid an.
„Am Montag wirst du hingerichtet. Das Begnadigungsgesuch ist abgelehnt worden.“
Ich schaue diesem armen Mann in die Augen; er ist wirklich betroffen.
„Es ist nur ein kleiner Schritt“, versuche ich ihn zu trösten.
„Ich weißl;“, sagt er, „aber es wäre so leicht, das zu ändern. Mir ist schon so lange bewusst, dass man niemanden hinrichten müsste, aber ich kann nichts dagegen tun.“
Ich blicke auf meinen Wärter. Er sitzt zusammengekauert auf meiner Pritsche, ein Häufchen Elend. Er tut mir sehr leid, dieser arme Mann.
Plötzlich ändert sich seine Gesichtsfarbe; entschlossen, aber immer noch ohne Hoffnung in seinen Augen, schaut er mich an:
„Lass mich etwas für dich tun - bitte.“
Ich muss nicht überlegen:
„Ich brauche meine Flöte, eine Tin-Whistle aus Aluminium. Ich konnte sie nicht finden, als sie mich abgeholt hatten.“
In diesem Moment hellt sich das Gesicht des Wärters auf.
„Ist es eine Overton, die sich weich und warm anfühlt – manchmal?“
Er sieht mich hoffnungsfroh an. Ich muss ihm nichts mehr erklären.
„Ich finde Sie!“, sagt er.
Es sind noch drei Nächte bis Montag, aber ich mache mir keine Sorgen. Mein Wärter wird sie finden. Am Samstag kommt ein anderer Wärter - er ist keiner von uns. Er berichtet mir, dass sein Kollege etwas Wichtiges suche, er wisse aber nicht was.
Am Sonntagabend höre ich wieder diese Schritte, von denen ich weißl;, dass sie zu mir kommen.
Mit strahlendem Gesicht reicht mein Wärter mir die Flöte.
„Nun wird alles gut“, sagt er. Ich nehme sie und sage:
„Ja!“
Er schaut mich an und mahnt:
„Spiele sie aber erst morgen, wenn sie dich geholt haben; dann werde ich bei dir sein.“
Ich schaue ihn liebevoll an und beruhige ihn:
„Du kannst jetzt gehen, es ist alles getan.“
Am nächsten Morgen höre ich viele Schritte, von denen ich ebenfalls weißl;, dass sie zu mir kommen. Ich halte meine Flöte fest umklammert. Die Zellentür fliegt auf und grimmige Gesichter schauen mich an. Ein wichtig aussehender, schwarz gekleideter Mann liest mir aus einem wichtig aussehenden Dokument vor, dass ich meinen Vater oder meine Mutter, oder beide umgebracht habe – ich höre nicht richtig hin. Auf jeden Fall würde ich am Hals aufgehängt werden, bis dass der Tod eintritt. Sie führen mich durch einen langen dunklen Gang. Eine unbestimmte Anzahl an Leuten gehen vor mir, und gehen hinter mir. Wir betreten einen hohen Raum, in dessen Mitte ein Podest aufgebaut ist. Daraus ragt ein Galgen mit einer etwa fünfzig Zentimeter über dem Boden baumelnden, aus dickem Seil bestehenden Schlinge. Ich weißl;, das ist die Schlinge, die um meinen Hals gelegt wird.
Im Vollstreckungsraum sitzen viele Menschen, alle wollen einen Elternmörder sterben sehen. In der ersten Reihe sehe ich meinen Bruder und meine Schwester. In ihrer Nähe sitzen Neffen, Nichten, Onkel und Tanten. Sie alle warten darauf, wie ihr Bruder, Onkel und Neffe für die Tötung ihrer Eltern, Tante und Schwester sowie ihres Onkels und Bruders hingerichtet wird. Sie alle wissen, dass ich diese Strafe verdient habe.
Als ich oben auf dem Podest stehe, liest dieser wichtig aussehende Beamte aus dem wichtig aussehenden Dokument vor, dass ich den Vater, oder die Mutter, oder beide umgebracht hätte und daher solange am Hals aufgehängt werde, bis dass der Tod eintritt. In der ersten Zuschauerreihe sehe ich Bruder und Schwester applaudieren. Meine Augen suchen nach meinem Wärter, aber sie können ihn nicht finden. Die ganze Zeit halte ich meine Flöte mit der rechten Hand fest umklammert, aber die Abwesenheit meines Wärters beunruhigt mich. Der wichtig aussehende Beamte hat soeben seine Lesung aus eben jenem Dokument beendet. Er schaut mich an und fragt, ob ich noch einen Wunsch habe.
In diesem Moment tippt mir jemand auf die Schulter. Ich blicke mich um und erkenne meinen Wärter; er ist der Henker. Er schaut mir gütig in die Augen und sagt:
„Bitte sie, ein letztes Stück auf deiner Flöte spielen zu dürfen.“
Es wird mir gestattet, und mein Wärter legt mir die Schlinge um den Hals.
„Habe Vertrauen zu mir und deiner Flöte“, sagt er.
Ich nehme sie in beide Hände und sie fühlt sich weich und warm an. Unbeirrt spielt sie ‚Das Lied vom Tod', an dessen Melodie ich mich nie erinnern konnte.
„Vertraue deiner Flöte“, wiederholt mein Henker und zieht den Hebel zur Falltür.
Die Klappe öffnet sich, und einsam verweht die Melodie des Todes im Wind.

© Erich Romberg, März 2000

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