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Augenblicke

Eine Kurzgeschichte


Spannend war sie, die Tagung. Und mein Vortrag fand Beachtung. Doch nun sehne ich mich nach Hause. Ich freue mich auf unsere drei Kinder, vor allem aber auf sie. Eine Woche ohne Sonja kann so lang sein.....Vollgas, 180 km/h......"All you need is love, love,....." SWR 1 un-terbricht die Oldie-Sendung für Verkehrshinweise: A5 Karlsruhe-Basel zwischen Teningen und Freiburg Nord 4 km Stau.... So ein Mist. Alles ging gut, und jetzt, kurz vor dem Ziel.....

Ich nehme das Tempo stark zurück, auf gut 100 km/h. Und schon blitzen die Bremslichter und Warnblinkanlagen der Vorausfahrenden auf. Auf beiden Spuren verlangsamt sich der Verkehr abrupt. Links neben mir kommt ein rotes Porsche-Cabriolet zum Stehen. Die junge Frau am Steuer ist vielleicht 30 Jahre alt. Eine schöne junge Frau. Eine ausgesprochen attraktive junge Frau. Eine Frau, deren Anblick man(n) sich nicht entziehen kann, selbst wenn man(n) wollte. Dunkelbraune, fast schwarze Haare, schulterlang. Rotes Trägerkleid, sehr kurz - woher weiß ich, dass es kurz ist??.....Ich lasse das Seitenfenster herunter. Mit dem Sturm und Drang der 60er hämmern gerade die Rolling Stones ihr leidenschaftliches "Let's spend the night to-gether" durch Endstufe und Lautsprecher meines Autoradios. Irgendwie finde ich den Song im Moment unangebracht, jetzt, wo er den fast zum Erliegen gekommenen Verkehrslärm hef-tig übertönt, und ich nehme die Lautstärke deutlich zurück. Obwohl es einer meiner Lieb-lingstitel war. Und auch heute noch ist. Wegen der fetzigen Musik. Damals, mit 15 Jahren, habe ich sowieso nur Bruchstücke vom Text verstanden. Und er hat mich auch nicht interes-siert. Ich erinnere mich noch, dass Mick Jagger für Live-Auftritte den Text umschreiben musste in "Let's spend some time together". Das habe ich nun wirklich nicht verstanden. In meiner jugendlichen Unbefangenheit hatte ich eine ausgesprochen schöne und zärtlich-romantische Vorstellung davon, mit einem hübschen Mädchen einen Abend oder vielleicht sogar eine ganze Nacht zusammen sein zu dürfen. Und sicher habe ich mir darunter etwas anderes vorgestellt als die britischen Zensoren. Mit dem Protest der 68er drehe ich die Laut-stärke wieder voll auf. Meine Porschefahrerin fährt jetzt ohnehin 10 bis 20 m weiter vorn. Stop and Go. Ich versuche, soweit möglich auf gleicher Höhe mit dem Porsche-Cabriolet zu bleiben. 10 Minuten, 15 Minuten. Warum schaut sie eigentlich immer so stur geradeaus?

"You - can't - always - get - what - you - want !" Das Stakkato dieses Stones-Titels zer-reißt die Stille über der erneut zur Ruhe gekommenen Verkehrskarawane. Jetzt muss ich doch schmunzeln, von dieser Seite hätte ich den moralischen Zeigefinger nun wirklich nicht er-wartet. Okay, ich schaue ja schon weg! Sekunden später ist der rote Porsche wieder genau auf meiner Höhe. Ich werfe einen letzten Blick nach links, und jetzt - endlich - wendet sie sich nach rechts und schaut mich an. Und dann lächelt sie mir sogar zu - nur für einen Augenblick. Wie wohltuend, dieses Lächeln! Ich versuche, es zu erwidern und winke ihr zu. Aber sie schaut nicht mehr in meine Richtung.....Der Stau beginnt sich langsam aufzulösen. Vielleicht noch 20 min und ich werde zuhause sein. Im Radio besingt Reinhard Mey Glück und Schmerz seiner ersten großen Liebe: "...... nicht jede große Liebe braucht auch ein Happy End....." Du brauchst dich nicht zu beschweren, denke ich, du hast sie ja immerhin einmal gehabt. Richtig gehabt.

Die Gedanken führen mich zurück, weit zurück.....Es ist warm und ziemlich dunkel. Nur die Blitze der Disco-Flash-Anlage zerreißen die Finsternis immer wieder und werfen ihr grelles, farbiges Licht und ihre harten Schatten im Rhythmus der Musik auf die Einrichtung des Kel-lerraumes und auf die anwesenden Oberstufenschüler. Klassenfest 1968. Rauchschwaden schweben in der Luft und quälen sich zu den geöffneten Fenstern, die kaum groß genug sind, um die Luftqualität entscheidend zu verbessern. Aus den Boxen quillt der Sound der 60er Jahre, alles, was sich in den vergangenen Monaten in den Charts bewegt hat und was wir den Organisatoren der Fete auf Singles oder Tonbändern übergeben haben. Ohrenbetäubende Lautstärke, die nur dann und wann durch das Klirren von Gläsern oder Flaschen oder das fröhliche Gelächter der feiernden Schüler übertroffen wird. Der Klassenlehrer hält sich vor-nehm zurück, nicht ohne gelegentlich einen kritischen Blick auf das Trinkverhalten derjeni-gen Schüler zu werfen, von denen er weiß, dass sie mit dem Mofa oder gar Motorrad nach Hause fahren wollen. Es ist kaum möglich, sich zu unterhalten, bei der dröhnenden Musik, und wir versuchen mühsam, aus den vom Gesprächspartner herüberdriftenden Wort- und Satzfetzen Zusammenhänge zu konstruieren. Schule und Lehrer stehen natürlich als Themen im Raum, die aktuelle Hitparade, der Prager Frühling, die Vorbereitung der Mondlandung, die brisante Situation an den deutschen Universitäten, Rudi Dutschke, der Vietnamkrieg und viele andere. Und natürlich Mädchen, Mädchen, Mädchen. Klar, bei einem reinen Gymnasium für Jungen, in das jetzt, zwei Jahre vor unserem Abitur, das erste Mädchen eingeschult wird. Die Eltern konnten sich durchsetzen, weil es den humanistischen Zweig nur hier gibt. Ein einziges Mädchen, dazu noch ein kleines, unter über 600 Jungen!

Zu Klassenfeten habe ich schon lange ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits genieße ich es, mit den Klassenkameraden zu feiern und zu diskutieren, bis in die frühen Morgenstunden. Andererseits fühle ich mich unwohl, weil die meist lautstarke Musik Gespräche fast unmög-lich macht. Vor allem aber, weil ich der Klassenjüngste bin, unter Mitschülern, die bis zu 6 Jahre älter sind als ich. Manche tragen schon Vollbärte, viele haben bereits ihre feste Freun-din, ihre "Frau", wie sie, nicht ohne etwas überheblichkeit und Macho-Gehabe, gern sagen. Auch heute haben sie sie natürlich mitgebracht, ihre Mädchen. Und ich bin einer von denen, die allein gekommen sind. Nicht der einzige zwar, aber vielleicht einer, der besonders darun-ter leidet. Ich suche Ablenkung im Gespräch, über die tausend Dinge, die für uns interessant sind, nicht ohne dann und wann meinen Blick umherschweifen zu lassen, über die Sitzplätze, die Bar, die Tanzfläche, bis zum Eingang. Um zu sehen, wer so alles kommt von meinen Klassenkameraden, und vor allem, wer wen mitgebracht hat.

Und natürlich ist mir nicht entgangen, dass inzwischen auch sie gekommen ist. Sie, die mich fasziniert hat von Anfang an. Sie, die mich die Sonne aufgehen sehen lässt, in all ihrer Pracht und lichtdurchfluteten Schönheit, wenn sie nur den Raum betritt. Ich mag sie, sie ist mir weit mehr als nur sympathisch. Ich liebe sie, seit ich sie zum ersten Mal sah. Heute werde ich ihr näher sein als jemals zuvor. Ich sehne mich danach, aber es macht mir auch Angst. Es ist eine eigenartige Liebe. Bei anderen Mädchen, die mir gefielen, auch bei solchen, die es nur in meiner Phantasie gab, da hatte ich mir oft ausgemalt, wie es weitergehen könnte, wenn etwas daraus würde. Nachts, vor dem Einschlafen. Das Kopfkissen fest umschlungen. Wie es wohl sein könnte, sie zu berühren, zu streicheln, ganz nah bei ihr zu sein, sie zu küssen, sie auszu-ziehen......Manchmal gingen diese Träume auch weiter, bis zur Hochzeit und darüber hin-aus.....Aber bei ihr, bei ihr ist das anders. Wie gern würde ich mich solchen Träumen hinge-ben! Nur - ich wage diese Gedanken nicht zu denken, nicht weiter zu spinnen, ich schiebe sie immer gleich weg von mir. Habe ich Angst vor der Enttäuschung, diese Träume, diese Wün-sche könnten sich nicht erfüllen? Ich kann sie nicht so lieben, wie der Märchenprinz sein Dornröschen liebt, auf das er wartet, um das er kämpft. Die Liebe, in der man sich vom ersten Augenblick an sein ganzes Leben zu zweit vorstellt, von der ersten zaghaften Berührung, dem ersten zärtlichen Kuss, über die ersten gemeinsam erlebten Nächte, bis hin zu den Kindern und Enkelkindern, wie in einem Zeitraffer-Film. Nein, für eine solche Liebe ist hier kein Platz. Dafür ist sie zu unerreichbar. Fest befreundet mit einem meiner Klassenkameraden. Eine Jugendliebe, die sich von Jahr zu Jahr weiterentwickelt und gefestigt hat. Und sollte die dennoch einmal zerbrechen, sicher wären da mehrere andere Jungen, denen sie vor mir den Vorzug geben würde. Trotzdem, ich liebe sie. Ich suche ihre Nähe, ich suche den Blickkon-takt mit ihr, und doch schaue ich sofort wieder verschämt in eine andere Richtung, wenn sich unsere Blicke wirklich einmal kreuzen. Ich habe nur Augen für sie. Meine Freunde merken, dass ich ihnen nicht mehr zuhöre. Die Themen, über die wir vor Minuten noch mit Engage-ment und innerer Beteiligung leidenschaftlich diskutiert haben, sind nicht mehr interessant für mich. Ich stehe auf und gehe im Partyraum auf und ab, drängle mich vor zur Bar, stolpere im Halbdunkel an den tanzenden Paaren vorbei, mit nur einem Ziel, ihr näher zu sein. Aber mer-ken, merken soll sie das natürlich nicht.

Sie ist nicht das Fotomodell von morgen. Nicht die klassische Schönheit. Es ist nicht ihr Sex-Appeal, nicht ihr Mund, nicht ihre Brust, es sind nicht ihre Augen, nicht ihre Haare, nicht ihre Hüften, nicht ihre Beine, die mich so beeindrucken. Was ist es nur? Angelika, der ich Nach-hilfe in Mathe gebe, die hat etwas von altgriechischer, von antiker Schönheit. "Sophie" wird sie von allen bewundernd genannt, wegen ihrer erstaunlichen ähnlichkeit zu Sophia Loren, zur jungen Sophia Loren. Sophie würde jeden Schönheitswettbewerb gewinnen, mit allen gleichaltrigen Mädchen, die ich kenne. Und die würden nicht einmal enttäuscht sein, gegen Sophie verloren zu haben. Viele Mitschüler beneiden mich, dass ich ihr Nachhilfe geben darf, ich, ausgerechnet der Klassenjüngste. Manchmal ist es wirklich nützlich, gut in Mathe zu sein! Anfangs hatte ich schon etwas Sorge, ich könnte mich bei der Nachhilfe nicht konzent-rieren, wegen ihrer Schönheit. Aber es gab kein Problem. Sophie ist sehr schön, aber irgend-wie unnahbar. Es kommt nichts rüber. Vielleicht liegt das daran, dass Sophie weiß, wie schön sie ist. Aber "sie", sie ist ganz anders. Sie hat eine Ausstrahlung, der ich mich nicht entziehen kann. Diese Natürlichkeit, diese Unbefangenheit, dieses echte, unbeschwerte Lachen, macht sie zu einer Lichtgestalt. Und vor allem - diese unbeschreibliche Wärme, die von ihr ausgeht. Ich kann keinen Blick mehr von ihr lassen.

Und dann, plötzlich......es ist wie im Traum.....Sie steht vor mir. Sie, wirklich sie. Ganz nah steht sie vor mir. Näher, als ich ihr je gewesen bin. Was will sie von mir? Ich schaue mich um, um zu prüfen, ob sie nicht doch jemand anderen meint. Aber da ist niemand. Nur sie und ich. Und dann fragt sie mich, ob ich mit ihr tanzen möchte. So direkt, so klar, so unmissver-ständlich, aber auch so unerwartet. Sie, sie spricht mit mir...mein Herz - es schlägt bis zum Hals.... dieses Kribbeln im Bauch.....mir wird ganz heiß.....ob sie merkt wie ich rot werde?..... ich sehe nur noch verschwommen....der Boden gibt nach........Tanzen? Mit ihr?.... Schwinde-lig im Kopf....ein kalter Schauer läuft den Rücken runter... heiß, verdammt heiß hier unten!.... nur nicht die Nerven verlieren jetzt.....Gänsehaut ....wie 40 Grad Fieber.....wirre Gedankenfet-zen....kalter Schweiß auf der Stirn...zitternde Hände....schnell in die Hosentasche damit....die Knie werden weich....Hoffentlich merkt sie nichts... Ich kann ihr nicht antworten. Nicht jetzt. Ich will ja, aber ich kann nicht. Da beendet sie diese schwierige Situation, indem sie einfach meinen rechten Arm ergreift und mich auf die Tanzfläche führt. Die Bee Gees, mit "Words". Wie liebe ich diese gefühlsbetonten romantischen Songs! Und jetzt stehe ich da, am Ziel mei-ner Wünsche und Sehnsüchte, und weiß nicht, was ich tun soll! Ich kann doch gar nicht tan-zen! Sie antwortet nicht. Aber sie nimmt meine rechte Hand und legt sie dort hin, wo sie hin-gehört. Sie legt sie tatsächlich an ihren eigenen Körper. An diesen warmen, pulsierenden wunderschönen Körper, der nur bedeckt ist durch ein hauchzartes, kurzes Sommerkleid. Und dann zieht sie mich zu sich. Ganz nah. Wirklich, ganz nah, ganz eng! Und wir bewegen uns zur Musik. Besser gesagt, sie bewegt sich, und sie führt mich. Ich weiß nicht, warum sie mir diesen Tanz schenkt. Hat sie meine sehnsüchtigen Blicke gefühlt? War es ihr Mitleid? Oder war es die Idee einiger Kameraden, ein neckischer Spaß, um zu sehen, wie ich, als der Klas-senjüngste, mit dieser Situation umgehe? In diesem Augenblick ist mir das auch egal. Sie gehört mir. Niemand kann sie mir wegnehmen. Nicht in diesen drei Minuten, nicht in diesen Augenblicken. Und was danach ist, interessiert mich nicht. Jede Sekunde erlebe ich wie eine Ewigkeit. Ich fühle ihre Wärme. Die Wärme ihrer rechten Hand, die Wärme ihrer Taille, die Wärme ihres ganzen Körpers. Und jetzt schenkt sie mir wieder dieses Lachen, dieses unbe-schwerte beglückende, dieses echte Lachen, das mich so fasziniert, aber diesmal von ganz, ganz nah! Ich lasse meine rechte Hand nur ganz locker auf ihrem Rücken ruhen, und meine linke Hand fasst ihre rechte Hand nur ganz zaghaft. Unsere Körper berühren sich ganz sacht. Wie zwei Seifenblasen. Oder zwei Luftballons? Ich habe Angst, ich könnte irgendetwas zer-stören, irgendetwas zerbrechen an diesem Mädchen........

Und dann, irgendwann, sind sie vorbei, diese drei Minuten. Wie benommen trenne ich mich von ihr. Sie schenkt mir ein letztes Lächeln, von mir geht ein kurzes Dankeschön an sie zu-rück. Drei Minuten von unbeschreiblicher Tiefe und Schönheit sind zuende, Augenblicke des Glücks, die ich nie vergessen werde. Und wenn sie meinem Bewusstsein entfliehen, dann werden sie dennoch in der Tiefe der Seele wohnen bleiben, hineingemalt wie ein expressio-nistisches Gemälde, bei dem nur noch Farben und Formen wichtig sind, nicht mehr die De-tails oder die Wirklichkeitstreue. Ich weiß nicht, ob ich sie heute wiedererkennen würde, jetzt, nach mehr als 30 Jahren. Aber die Wirkung dieses Augenblicks, dieser drei Minuten, wird bleiben für mein ganzes Leben......

Autobahnzubringer Freiburg-Mitte. Mit den Monkeys, "I'm a believer", klingt die Oldiesen-dung aus: " I thought love was only true in fairy tales,.....". Für mich ist so ein Märchen wahr geworden, damals, nur für Augenblicke! Ich drehe das Radio voll auf. Wie sehr liebe ich es, mit Sonja Jive zu tanzen zu diesem Titel! Einen wundervoll schnellen Jive, voller Schwung und Lebensfreude! Die Tiefgarageneinfahrt. Nur noch eine Minute trennt mich von ihr. Sie öffnet die Tür, bevor ich läuten kann. Wir liegen uns in den Armen, im dämmrigen Zwielicht des Treppenhauses. Schön, dass du schon da bist!

Ich betrete das Wohnzimmer, nachdem ich mich etwas frisch gemacht habe. Auf dem Tisch: Eine Flasche Rotwein. Italienischer Landwein, wie ich ihn liebe. Trocken. Aus den Abruzzen. Drei rote Kerzen brennen. Ihre Flammen flackern in der angenehm kühlen Zugluft, die durch die geöffnete Balkontür weht. Ein Strauß roter Rosen schmückt die gläserne Kugelvase. über allem schwebt der würzige Duft italienischer Küche. Leise rauscht der Umluftbackofen. Habe ich einen Hunger!

Sonja tritt aus der Abenddämmerung vom Balkon in das Wohnzimmer zurück. Erst jetzt sehe ich sie richtig. In diesem aufregenden ärmellosen roten Kleid, eine rote Rose im hellblonden Haar, knallrote Lippen, das dezente Make-up der Augen. Sie weiß, wie sehr ich dieses Kleid an ihr liebe. Bei jedem Schritt wird das ganze Bein freigegeben, vom Fußgelenk fast bis zur Hüfte. Nur für Sekundenbruchteile, für einen Augenblick. Und dann fällt er wieder, der Vor-hang, als ob nichts geschehen wäre......Durch die geöffnete Balkontüre und die Fenster drin-gen die letzten Strahlen der untergehenden Abendsonne und spielen in ihren Haaren, während sie den ganzen Raum in ein geheimnisvolles kupferfarbenes Licht tauchen. Aus der Musik-anlage erklingen meine liebsten Tangomelodien......Ich bringe es nicht fertig, mich zu setzen. Nicht jetzt, nicht in diesen Augenblicken. Die Stimmung ist so unbeschreiblich schön, so er-haben, und doch so zärtlich. Erst den Tango mit ihr..... Behutsam drehe ich am Lautstärke-regler. Etwas lauter, die Musik, aber nicht zu viel. Sonst werden die Kinder wach. Und das dürfen sie nicht. Nicht jetzt. Nicht in diesen Augenblicken. Ich gehe auf sie zu und nehme sie in den Arm. Wir trauen uns nicht, auch nur ein einziges Wort zu wechseln. Als könnten wir diese fragile Stimmung zerstören. Sie lächelt mir zu, so, wie sie immer lächelt, wenn sie ge-nau weiß, was in mir vorgeht. Weißt du noch, was du mir versprochen hast, zur Silberhochzeit in zwei Jahren? Tango auf heißem vulkanischem Boden von Lanzarote, am Meer, bei Son-nenuntergang. Ich fange an zu träumen.....nur für Augenblicke. Und ich beginne zu frieren vor Glück.....nur für Augenblicke.


© Armin Zastrow, Freiburg, 30. Juni 2000

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